Berlin-Lichtenrade, 6. Dezember 2012 In Lichtenrade wird seit einiger Zeit besonders heiß über die Zukunft der Bahnhofstraße diskutiert. Die Bahnhofstraße ist die Einkaufsmeile für viele Anwohner; sie wird geliebt und auch gehasst.

Spätestens zu dem Zeitpunkt, als der Großinvestor Harald Huth rund um die alte Mälzerei ein neues Einkaufszentrum plante, war die Aufregung sehr groß. Einige Anwohner und Gewerbetreibende wollten, dass alles so bleibt, wie es ist. Andere engagierte Lichtenrader wollten sich Änderungen gegenüber jedoch nicht verschließen.

Das Einkaufszentrum ist erstmal vom Tisch, aber das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg und die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) haben die Diskussionen aufgegriffen und Standortkonferenzen initiiert. In der ersten Konferenz wurden Informationen gegeben und gesammelt. In der nun stattgefunden zweiten Standortkonferenz wurden die Auswertungen der Fragebögen vorgestellt.

Der große Saal im Gemeinschaftshaus Lichtenrade war fast bis zum letzten Platz gefüllt. Interessierte Bürger, Vertreter vieler Lichtenrader Initiativen, Gewerbetreibende und Behördenvertreter trafen sich, um die Diskussion um das Leitbild für Lichtenrade ein Stück weiterzubringen.

Im Wesentlichen geht es darum, dass die Situation besonders für die Fußgänger und Fahrradfahrer verbessert wird und sich die Situation des PKW-Verkehrs entspannt.

Ziel der Standortkonferenzen ist die Entwicklung eines längerfristigen Leitbilds für den Standort, aus dem sich die Handlungsfelder "Private Investition", "Öffentliche Investition Straßenland" sowie "Bauleitplanung" ableiten sollen.

Vom Stadtplanungsamt hat die zuständige Stadträtin Dr. Sibyll Klotz (Bündnis 90/Die Grünen) zu der Standortkonferenz eingeladen und eröffnete die Veranstaltung. Vom Bezirksamt war auch der zuständige Baustadtrat Daniel Krüger (CDU) vertreten. Vertreter aller Parteien aus der BVV zeigten Interesse an der Diskussion.

Von der Planergemeinschaft Kohlbrenner wurden zwei Planungsvarianten für die Bahnhofstraße vorgestellt, bei denen Aspekte der 78 ausgefüllten Fragebögen berücksichtigt wurden. Die Varianten sollen Anregungen darstellen, wie Urs Kohlbrenner und Winfried Pichierri vom Stadtplanungsbüro betonten. Die Varianten berücksichtigten einmal den oberirdischen Verlauf und zum Zweiten die Tunnellösung der Dresdner Bahn durch Lichtenrade. Die Entscheidung rund um die Dresdner Bahn ist noch nicht getroffen.

Betrachtet wurde besonders die östliche und westliche Eingangssituation, die man besonders hervorheben will, sowie das Mittelstück in der Bahnhofstraße.


Das Planerbüro spricht sich für einen konzentrierten Einzelhandel direkt an der Bahnhofstraße aus. Dadurch will man auch den Einzelhandel stärken. Damit verbunden ist die Überlegung, dass Teile des jetzigen Parkplatzes vor der Salvator-Kirche für Geschäfte dienen könnten und bei der ebenerdigen Bahnvariante so Schallschutzwände in die Häuser „integriert“ werden. Auch wird an eine Art Marktplatz mit einer Tiefgarage gedacht. Für die Situation rund um die Mälzerei stellt man sich die Entwicklung als Wohnfläche vor.


Urs Kohlbrenner erläutert (rechts daneben, im Hintergrund Stadtrat Daniel Krüger)

Welche Überlegungen gibt es, wenn man auf der Bahnhofstraße in Richtung Osten geht? Hier wird an die Neugestaltung der Kreuzungen bei NETTO (Riedinger Zeile), unter Einbeziehung des Grabens, und Rehagener Straße gedacht. Als eine Variante wird die Begegnungszone zwischen der Riedinger und Rehagener Straße angeregt. In Begegnungszonen teilen sich alle Verkehrsteilnehmer die Straßenfläche und die Geschwindigkeit wird auf 20 km/h reduziert. Hier gibt es einige bekannte Beispiele in der Schweiz.


Lars Hombach von der Lindenapotheke, auch Sprecher der Bahnhofstraßen-Initiative, erläutert die Anliegen seiner Kunden.

Auch die östliche Eingangsituation, rund um Reichelt, will man stärken. Eine Aufstockung des Parkhauses soll die Parksituation in der Bahnhofstraße entspannen. Die künstlerische Hervorhebung des Abfahr-Rondells vom Parkhaus kann sich die Planergemeinschaft gut vorstellen. Durch die Betonung der Eingangssituation verspricht man sich auch so etwas wie eine identitätsstiftende „Marke“ für die Lichtenrader Bahnhofstraße.


Karl Wachenfeld vom Unternehmer-Netzwerk Lichtenrade (links)

Auch die Neuordnung der Zufahrt in die Goltzstraße und die Überbauung der Tankstelle ist Bestandteil der Überlegungen.


Von der Aktionsgemeinschaft Bahnhofstraße diskutiert der Vorsitzende Hagen Kliem (lks. am Tisch) mit.
Alle Vorschläge will die Planergemeinschaft als Vorschläge und Bausteine verstanden wissen, die man verändern und anders kombinieren kann. Urs Kohlbrenner erläutert: „Das sind keine Pläne und Planungen im klassischen Sinn!“ Letztendlich geht es um die Aufwertung des öffentlichen Raums, den man durch verschiedene Maßnahmen erreichen möchte.


An sechs verschiedenen Thementischen wurde über den Verkehr, den Städtebau, den Einzelhandel, über Marketingstrategien und über privates Engagement diskutiert. Alle anwesenden Bürgerinnen und Bürger wurden aufgerufen, im Laufe von rund 90 Minuten an mehreren Tischen mitzudiskutieren. Unterstützt wurde das Planungsbüro bei der Moderation von Bezirksamtsvertretern und von Vertreter des „Bürgerforums Zukunft Lichtenrade“, aus dem mittlerweile einige Initiativen wegen Unstimmigkeiten ausgestiegen sind.


An den Tischen wurde leidenschaftlich und kontrovers diskutiert. Es ging um die Fahrbahnbreite der Bahnhofstraße und über breitere Gehwege, aber auch um die Neuordnung der Parkplatzsituation. Die Parkplätze waren eines der wichtigsten Themen. Gewerbetreibende und Ärzte denken naturgemäß besonders an ihr Klientel und setzen sich für den Erhalt der Parkplätze ein. Es wurden vielen Parkvarianten, längst und quer, diskutiert und auch zeitlich befristete Parkplätze immer wieder vorgeschlagen. Die Kritiker sehen hier jedoch nur einen Sinn, wenn dies auch vom Ordnungsamt wirksam kontrolliert wird, woran bei vielen Diskustanten Zweifel bestanden.


Mittendrin: Frank Behrend (rote Jacke) 1. Vorsitzender vom
Haus-, Wohnungs- und Grundeigentümerverein Lichtenrade e.V.
Für einen „Angebotstreifen“ für den Radverkehr konnte man Fans finden, genauso wie für mehr Kultur-, Jugend- und Gastronomieeinrichtungen. Heiß umstritten ist die Situation rund um das mittlerweile denkmalgeschützte „Haus Buhr“ am S-Bahnhof Lichtenrade. Viele Lichtenrader sehen die jetzige Situation als „katastrophal“ an.


Auf Kärtchen wurden die Diskussionsergebnisse protokolliert: Es ging von „Bahnhofstraße ist schön genug“, über „Man kann Gewerbetreibende zu nichts zwingen“, bis zu „Wohlfühlatmosphäre wie im Film - Flanieren ohne Konsum.“

Es kann mit Spannung abgewartet werden, was das Planungsbüro mit diesen unterschiedlichsten Aussagen, Überlegungen und Ansätzen macht.

Beim nächsten Termin sollen die Ergebnisse der 2. Standortkonferenz einbezogen werden und Leitbildentwürfe vorgestellt werden.

Der Leiter des Stadtentwicklungsamtes, Siegmund Kroll, fasste seinen Eindruck von den Diskussionen zusammen. Für den Stadtplaner Kroll wurde besonders die Frage „Wo ist eigentlich das Zentrum?“ sehr unterschiedlich diskutiert.

Stadträtin Sibyll Klotz äußerte sich beeindruckt von den unterschiedlichsten Anregungen und sieht „ein großes Potential“ in der Bahnhofstraße. Für Klotz wurde deutlich, dass nur eine Minderzahl nichts an der Einkaufsstraße verändern will. Sibyll Klotz sieht die Entschleunigung des Autoverkehrs als wichtig an. Besonders gut hat ihr der Marktplatzgedanke gefallen.

Die 3. Standortkonferenz soll am 24. Januar stattfinden. Wir können gespannt auf die Ergebnisse sein.

Thomas Moser

Terminhinweis zur 3. Standortkonferenz: Donnerstag, 24. Januar 2013 um 18.30 Uhr im Gemeinschaftshaus Lichtenrade, Barnetstraße / Ecke Lichtenrader Damm


 

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