Ein Porträt

Berlin-Lichtenrade, 21. Januar 2012 Ein kühler Sonntag in Lichtenrade! Der „Lichtenrader Hof“ ist zum Brunch gut besucht. Mit Fahrrad und Anhänger ist Gerhard Moses Heß angereist, um mit seinem „Kindertheater Tutmirgut“ kleinen Menschen eine große Freude zu bereiten. „Bäh, schreit das Schaf!“ heißt das Theaterstück, dass aber eher eine kindgerechte Mitspielgeschichte ist.

Die Weinstube wird zur Theaterbühne. Der Lichtenrader Gerhard Heß hat seine komplette Bühnenausrüstung mitgebracht. Ein blaues Tuch wird der Bühnenhintergrund, ein Tisch für Großvater und Großmutter ist bereit und der andere Tisch ist der Stall mit den Schäfchen und dem Hahn. Dann erhellen die Scheinwerfer die improvisierte Bühne. Vorhang auf: Das Ein-Mann-Theater ist perfekt und die Vorführung kann beginnen. Die meisten Eltern brunchen genussvoll im Restaurant, das nur einige Schritte von der Weinstube entfernt liegt.
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Wirtin Manuela Schäfer (rechts) freut sich immer, wenn der Theatermann anreist: „Gerhard Heß kommt bei den Kindern unheimlich gut an!“
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Die Kinder sitzen größtenteils auf dem Boden und gucken mit großen Augen Gerhard Heß mit seinem langen wuschigem grauen Haar erwartungsvoll an. Heß versteht es von Anfang an die Kinder in sein Spiel mit einzubeziehen. Ein Mädchen ist das Schäfchen, dass immer für die egoistischen Zwecke des Großvaters Wolle opfern muss. Ein anderes Kind ist der Hahn. Mit Hilfe der Großmutter und der Kinder kommt schließlich alles zu einem guten Ende. Gerhard Moses Heß hat die Erzählung vom Schäfchen zum Theaterstück mit Musik kindgerecht gestaltet. Mit kraftvoller Stimme singt Gerhard vom Hahn, der morgens „Kikeriki“ schreit. Bei dem Theaterpädagogen hat alles einen Hintergrund. So ist hier die Moral der Geschichte: „Sei nicht egoistisch, sondern tierlieb! Habe den Mut gegen Unrecht einzureifen!“ Die Kinder haben mitgespielt, mitgesungen und einen schönen Sonntagmittag verlebt.
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Gerhard Heß, der Tausendsassa in Sachen Kunst, ist ein Lichtenrader Unikum! Mit Fahrrad, Anhänger und Hund sieht man Gerhard Heß oft durch den Ortsteil radeln. Was für eine Geschichte versteckt sich hinter Heß?
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Gerhard Moses Heß (69) kommt ursprünglich von der Nordseeinsel Langeoog. Nachdem das Nordlicht bei der Bundeswehr nicht gemustert wurde, kam der junge Heß nach Berlin um Germanistik und Geschichte zu studieren. Als Student hat er schon eine kleine Familie mit zwei Kindern, was eine absolute Ausnahme war. Der Exot unter den Studenten ist schnell ein Kind der Achtundsechziger geworden. Gerhard Heß war politisiert von der Studentenaufbruchzeit und immer selbst dabei. So wurde damals viel diskutiert. Der junge Heß fand es als diffamierend, als für Studenten die Bezeichnung „Chaoten“ hoffähig wurde. Nach einer Kundgebung wurde Heß selbst Prügelopfer in der U-Bahn. Gerhard Heß war Student und musste als verantwortungsvoller Vater auch für seine Kinder sorgen. So hielt er seine Familie mit vielen Jobs über Wasser. Da er immer viel arbeiten musste, konnte Heß sein Studium nicht beenden.
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Gerhard Heß fühlte sich immer in der Stadtteilarbeit verwurzelt. So gründete er ein sogenanntes „Basisbüro“ in Moabit und verteilte für Bürgerinitiativen Flugblätter. In seiner späteren Heimat Tiergarten kämpfte er für den Erhalt eines Parks („Das war ein wirklicher Erfolg, dass wir das geschafft haben!“) und gegen den Abbau der Mietpreisbindung. Zwanzig Jahre leitete er verantwortlich die „Berliner Mietergemeinschaft“, die nach der Wende über 20.000 Mitglieder hatte.

Anfang der Neunziger Jahre war Heß das Ganze gesundheitlich zu viel und er musste etwas ganz anderes anfangen. So machte er eine Umschulung zum „Spiel- und Theaterpädagogen“ und noch viel später lernte er sein Instrument lieben: „Akkordeon ist eine Liebe von mir!“
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Eine andere Leidenschaft war immer das Schreiben. In der Mietergemeinschaft übersetzte Heß gerne komplizierte rechtliche Zusammenhänge in eine einfache Sprache. Auch schrieb er kleine Reportagen für Stadtteilzeitungen und lernte selbst das Schriftsetzen in einer Buchdruckerei. 1996 gründete Gerhard Heß die theaterpädagogische Zeitschrift „Spielart“, die heute noch im Internet zu finden ist (http://www.spielart-berlin.de).

Vor 14 Jahren hat es den Unruhegeist dann nach Lichtenrade verschlagen. In Lichtenrade bot Heß an Schulen und in Kitas Theater mit Kindern an. Erst viel später traute sich Gerhard Heß Theater für Kinder zu machen. Mit einer inneren Ruhe und Kraft kann er jetzt Kinder begeistern und mit seinen Geschichten fesseln: „Lampenfieber kenne ich dabei nicht! Es ist wie ein Wunder und ich hätte es nie gedacht, dass ich das überhaupt kann!“
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Ganz begeistert werden immer die Waldwochen in den Schulferien angenommen, bei denen Kinder Tiere und Pflanzen näher kennenlernen. Gerhard Heß ist aber nicht nur für Kinder unterwegs. Er erzählte Geschichten auch für Erwachsene und bietet Naturprogramme zum Beispiel im Freizeitpark Marienfelde an.

Seit zwei Jahren veranstaltet Heß, der mittlerweile eine einjährige Erzählerausbildung gemacht hat, in Kooperation mit dem Förderverein EFEU auch Führungen auf dem „Alten St. Matthäus-Kirchhof“. Erst kürzlich hat Gerhard Heß zum 62. Geburtstag des verstorbenen Sängers Rio Reiser (Ton-Steine-Scherben) auf den alten Friedhof in Schöneberg eingeladen.
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Gerhard Moses Heß erzählt von Rio Reiser
Mit Wegbegleitern und Freunden hat Heß an den singenden Poeten erinnert. Auf dem historischen Friedhof haben viele Persönlichkeiten, wie beispielsweise Rudolf Virchow und Jacob und Wilhelm Grimm, ihre letzte Ruhestätte gefunden. Ein Bericht mit Fotos ist auf der Lichtenrade-Website www.lichtenrade-berlin.de (Nachbarn-News) nachzulesen. Auch im Februar findet wieder eine interessante Führung statt (siehe gesonderte Hinweise unter "Aktuelle Tipps" und "Nachbarn-News").

Bei den ganzen Aktivitäten konnte sich der aktive Geist jung halten. Gerhard Heß ist Vater von insgesamt vier Kindern und wollte immer ganz bewusst seine Vaterrolle wahrnehmen. Seine jüngste Tochter ist jetzt vierzehn Jahre alt und hält den Vater auf Trapp.

Wir fragen Gerhard Moses Heß nach seinen aktuellen Plänen und Ideen: „Ich will ein Stück über Käthe Kollwitz schreiben, die auch oft in Lichtenrade war!“ Wir sind gespannt, womit Gerhard Heß die Lichtenrader noch in Zukunft verwöhnen wird und wünschen ihm viel Kraft und Gesundheit!

Thomas Moser –BerLi-Press-(auch alle Fotos)

http://www.spielart-berlin.de

http://www.spielart-berlin.de/2010/02/08/kindertheater-tutmirgut-marinella-superstar

http://www.efeu-ev.de/index.html


 

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