Ein Rathaus präsentiert sich selbst in einer Fotoausstellung. 100 Jahre sind Grund genug, sich die geheimnisvollen Orte im Rathaus Schöneberg näher anzuschauen.

Das jedenfalls hat sich der Fotograf Volker Wartmann gedacht, als er über mehrere Monate mit seiner Kamera die besonderen Orte näher erkundete und aus besonderen Perspektiven abbildete. Nicht jeder Besucher kommt überall hin, aber es gibt auch viele öffentliche Ecken, die die Schönheit des Rathauses ausmachen.

Herausgekommen ist eine wunderbare Fotoausstellung, die einen ganz besonderen Fokus auf dieses denkmalgeschützte Haus wirft. In einer alten getäfelten Telefonzelle steht verlassen das Porträt des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, der in diesem Haus einige Jahre als Regierender Bürgermeister residierte. Volker Wartmann kann sich noch gut an den Tag erinnern, an dem er dieses Bild fand. Zwei Stunden ging er durchs Rathaus und fand kein Motiv. Durch Zufall machte er dann die Tür zur alten Telefonzelle auf und fand das Weizsäcker-Foto. Dies, in Kombination mit einem einfachen dort stehenden Papierkorb, war für Volker Wartmann ein besonderer Glücksfall. Ein anderes schönes Motiv ist der große künstliche Adventskranz, der im ehemaligen Tresor der Stadtkasse auf seinen Einsatz für die Weihnachtszeit wartet.

Die ehemalige Bierstube im Rathaus mit Alt-Bundespräsident Theodor Heuss

Das Fotokunstprojekt ist aus Mitteln der Dezentralen Kulturarbeit des Bezirkes Tempelhof-Schöneberg gefördert worden.

So ließ es sich die Kulturstadträtin und Stellvertretende Bürgermeisterin Jutta Kaddatz auch nicht nehmen, die Gäste bei der Ausstellungseröffnung im Rahmen der Feierlichkeiten zum Rathausjubiläum zu begrüßen. Spannend fand sie ein Bild aus dem Vorraum der Brandenburghalle, wo sich über die Jahre -kaum wahrnehmbar- auf einer alten Tapete graue Flecken in Kopfhöhe gebildet haben. Kaddatz sieht dies als Zeugnis davon, dass dort viele Menschen am Rande von Sitzungen gesessen und heiß diskutiert und beraten haben.

Das Lieblingsbild von Kaddatz ist die Abbildung der Fresken in der Bierstube. „Ich wusste gar nicht, dass in diesem Hause eine ehemalige Bierstube existiert.“ In diesem verschlossen Raum vor der Kantine, der auch als Trinkhalle bezeichnet wird, sind Original-Fresken von 1929 zu sehen. Abgebildet ist der erste Bundespräsident Theodor Heuss, der seit 1920 auch Bezirksverordneter in Schöneberg war. Unter dem Fresko der Tafelrunde steht das Motto: „Hart für das Wohl der Gemeinde befehden sich oben die Geister. Unten versöhnt sie des Weins Frieden gebietender Geist.“

Der Blick hinter die Kulissen

Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler eröffnet die Ausstellung, die noch bis zum 27. April 2014 im Foyer vom Rathaus Schöneberg geöffnet ist.

Angelika Schöttler würdigt die Fotos, die nicht nur das übliche Klischee bedienen: „ Es ist ein ganz besonderer Blick im Rathaus und auf das Rathaus.“ Angelika Schöttler findet auch die „anderen Blickwinkel“ und das widersprüchliche der Räume und Gänge spannend. Der „Blick hinter die Kulissen“ ist faszinierend gelungen. So ist Angelika Schöttler auch von dem Bild angetan, wo der Rathausturm aus einer Aktenkammer heraus aufgenommen wurde.

Zur Ausstellungseröffnung kamen auch die ehemaligen Bezirksbürgermeister Michael Barthel, Rüdiger Jakesch (Foto v.l.n.r) und Dieter Hapel.



Für die musikalische Untermalung sorgte Gert Anklam, der mit seinen Saxofon-Inspirationen den Glockenklang der Freiheitsglocke in die Ausstellung trug.

Einfache Sitzecken und Regierende Bürgermeister

Fotograf und Journalist Volker Wartmann, Jahrgang 1964, fing mit der Kamera einfache Sitzecken, Gardrobenständer vor historischen Beschriftungen, Archivräume mit Ordneransammlungen, das ehemalige Kino und die alte getäfelte Verwaltungsbibliothek ein.

Plaudert mit Besuchern: Volker Wartmann nach der Ausstellungseröffnung
Für Wartmann war es spannend Räume zu sehen und zu fotografieren, die er auch bei seinen Recherchen vorher nicht entdeckt hatte: „Normalerweise kommt da kein Mensch rein.“ Neben den „geheimnisvollen Orten“ war für den Fotografen das „alltägliche und die Tristesse der Amtsflure reizvoll.“

Im Arbeitszimmer der Bürgermeisterin, das auch abgelichtet wurde, führten bereits alle Regierenden Bürgermeister von West-Berlin ihre Amtsgeschäfte: Ernst Reuter, noch im Gemälde verewigt, Walther Schreiber, Otto Suhr, Willy Brandt, Heinrich Albertz, Klaus Schütz, Dietrich Stobbe, Hans-Jochen Vogel, Richard von Weizsäcker, Eberhard Diepgen und Walter Momper.

Fotoband für die Ewigkeit

Dass die Ausstellung später wiederholt wird, davon ist Bürgermeisterin Angelika Schöttler überzeugt. Ganz sicher bleiben die Fotos dauerhaft im Bildband des Westkreuz-Verlages erhalten. Mit seinen Fotografien eröffnet Wartmann den Betrachtern eine neue Sichtweise auf das weltbekannte Berliner Wahrzeichen. Die ansprechende Aufmachung des Bildbandes präsentiert auch noch viele Fotos, die den Weg nicht in die Ausstellung gefunden haben. Auch ein wunderbares Geschenk!

Thomas Moser

Die Verantwortliche der Dezentralen Kulturarbeit, Ute Knarr-Herriger, freut sich über die Ausstellung.

Volker Wartmann „Verschlusssache – Geheimnisvolle Orte im Rathaus Schöneberg“

ISBN 978-3-944836-08-9 für 24,90 € (60 Seiten, 29,7 x 21 cm, Hardcover)

Auch (versandkostenfrei) direkt im Westkreuz-Verlag Berlin/Bonn, Töpchiner Weg 198/200, 12309 Berlin