Wer zur Gattung der „Süßschnäbel“ auf zwei Beinen gehört, hat sicher schon das eine oder andere Mal seine Nase an dem Schaufenster eines Schokoladengeschäftes plattgedrückt. Diesem Vergnügen kann man beim attraktiven und alteingesessenen Geschäft von „Walter Confiserie“ am Tempelhofer Damm 197 nachgehen. Walter in Tempelhof feiert in diesem Jahr das 100-jährige Firmenjubiläum.

Vom Geschäft zur Produktion oder die dritte Saison

Freundlich grüßt die Verkäuferin Anja Höldtke, die bereits seit 23 Jahren bei Schokoladen-Walter arbeitet: „Ich verkaufe gerne die leckere und hochwertige Ware.“


Zurzeit gehen Maikäfer gefüllt mit Nougat, Marzipan oder mit Konfekt besonders gut. Die Maikäfersaison ist nach Weihnachten und Ostern die dritte wichtige Jahreszeit für Walter.

Nur wenige Schritte vom Geschäft entfernt, liegt unscheinbar im hinteren Teil eines Hofes und Parkplatzes in der Burgemeisterstraße die Verwaltung und Produktion der Traditions-Leckereien-Schmiede.

Walter-Schokolade und „back to the roots”

Der Mitinhaber Konditormeister Carsten Sikora (48) winkt aus der Schokoladen-„Werkstatt“ und rührt dann gleich an der nächsten Süßigkeit weiter. 1977 übernahm der Konditormeister Peter Sikora den Betrieb vom Firmengründer Hugo E. Walter. Der Sohn Carsten ist dann nach 37 Jahren im Jahr 2014 in die Geschäftsführung eingestiegen.

In der Verwaltung im ersten Stock wartet der Geschäftsführer und Miteigentümer Thomas Jaeschke (45) im Präsentationsraum von Walter Confiserie. Thomas Jaeschke ist gelernter Industriemeister der Süßwarentechnik. Den Stolz kann man ihm ansehen, wenn er davon spricht, dass er 2014 den Schritt zurück zu den Wurzeln gemacht hat. Das Handwerk hat Jaeschke vor 28 Jahren in einem kleinen Betrieb erlernt, hat anschließend jahrelang in einem großen Berliner Schokoladenbetrieb gearbeitet und ist unter dem Motto „Back to the roots“ dann zu Walter gegangen. Er ist der kreative Kopf, der sich aber auch um die geschäftlichen Sachen kümmert. Thomas Jaeschke macht zum Teil die administrative Verwaltung, versucht aber so oft wie möglich in der Produktion mitzumachen.

Holzkisten – ein Markenzeichen für Walter-Confiserie

Hier in Tempelhof gibt es die leckersten Pralinen aus Meisterhand. Wir sind gespannt auf den Rundgang durch die „Schokoladen-Küchen-Werkstatt“. Nachdem auch dem Reporter für sein schütteres Haar eine weiße Haube verpasst wurde, geht es in der Schokoladen-Schmiede zuerst in den Verpackungsbereich.



Den einzeln verpackten Schokoladen-Maikäfern werden liebevoll Schleifen umgebunden. Im Monat Mai und zu Pfingsten sind die Insekten in Schokoladenform bei der Bevölkerung traditionell sehr beliebt. Hier werden auch die beliebten Holzkisten zwischengelagert.

Thomas Jaeschke beweist uns anhand einer alten Kiste, wie stabil sie sind. Er tritt kräftig auf sie rauf und erzählt: „Die Kisten sind als Souvenir aber auch für lange Transportwege geeignet.“ So überstehen die Pralinen auch unbeschadet den Transport in ferne Länder, wie zufriedene Stammkunden immer wieder berichten. Die Ware wird deutschlandweit und auch ins Ausland verschickt. Die in Berlin handgefertigten Kisten werden mit unterschiedlichen Motiven bedruckt. Wenn in Berlin Pralinen in Holzkisten verkauft werden, dann sind sie von Walter, erzählt stolz der Geschäftsführer. Für die anderen Firmen wird nur das jeweilige Firmenlogo aufgedruckt. Die Qualität ist aber immer die 1-A-Walter-Qualität, bestätigt Jaesckke.

Hexenküche und Haselnuß-Gold

Thomas Jaeschke macht uns auf die Haselnüsse aufmerksam, die auf die weitere Verarbeitung warten. Hier liegt das „Gold“, erzählt er schmunzelnd. In der letzten Zeit hat sich der Preis für Haselnüsse um ein Vielfaches erhöht, daher werden diese im Einzelhandel auch kaum noch angeboten.

Die fertigen Pralinen lachen uns beim Rundgang immer wieder an und wir würden am liebsten zugreifen und uns über Nacht hier einschließen lassen. Dann zeigt uns Jaeschke neue Schokoladenkreationen, die noch gar nicht im Geschäft erhältlich sind. Diese wurden in der „Walter-Hexenküche“ entwickelt.


Thomas Jaeschke experimentiert dann solange, bis er ein gutes Ergebnis bekommt. „Geht nicht, gibt es nicht“, ist sein Motto. Das wichtigste Kriterium ist jedoch immer die Qualität. Die neuen Schokoladen werden jetzt erst einmal auf Haltbarkeit getestet. Ein wichtiges Standbein sind jedoch die vom Firmengründer überlieferten Rezepte.

Generationen kaufen bei Walter

Walter-Confiserie will sich mehr den jüngeren Käufern öffnen. Diese Kundschaft kennt Walter von ihren Eltern, weiß Jaeschke zu berichten. Jetzt will man diese Käufer, die bislang vielleicht Walter-Schokolade mal verschenkt hat, auch mehr an sich binden. Walter versucht ein neues junges Image in ihre Produkte reinzupacken: „Wir machen dabei jedoch keinen Abstrich an Geschmack und Qualität.“ So wird nur hochwertige Ware nach Kontrolle weiterverarbeitet. Beispielweise wird echter Jamaika-Rum statt irgendein Billig-Aroma verwand. Das hochwertige Marzipan wird beispielsweise in Lübeck gekauft.

Walter ist dabei die Geschäfte zu modernisieren, auch einzelne Pralinen lose zu verkaufen und in einer Filiale mit einem Kakao- und Kaffeeausschank zu starten. Nicht umsonst heißt es in einem alten Firmenslogan: „Wer Walter-Ware weise wählt, wird Walter weiter wünschen.“

„Das, was immer geht, ist Marzipan und Nougat, dann kommen Trüffel jeder Art“, erklärt Thomas Jaeschke.

Er zeigt die alten Maschinen, die bei der vielen Handarbeit noch helfen und unterstützen. Für ihn ist es wichtig, dass man die alten Maschinen viel einfacher selbst reparieren und auch die Produktion besser steuern kann.

Viertausend Pralinen pro Tag

Circa 30 Mitarbeiter, 15 davon in der Produktion, und zwei Auszubildende produzieren die Köstlichkeiten. Allein die Tagesproduktion an Marzipankartoffeln beläuft sich auf 9000 Kugeln oder 4000 Pralinen. Die Jahresproduktion entspricht über 50 Tonnen Pralinen und Schokoladenspezialitäten. Und dann erhalten wir noch einen Einstiegskurs in Sachen Schokolade. Neben der Schokolade produziert Walter im Bezirk auch „Faustmann-Gebäck“.

Die exquisiten Trüffel- und Sahnespezialitäten aus edlem Marzipan und feinstem Nougat enthalten weder Konservierungsstoffe, künstliche Aromen oder Farbstoffe. Absolute Frische ist das oberste Prinzip: Walter-Pralinen werden nicht gelagert, sondern erst nach Auftragseingang produziert.

Wir erhalten noch eine Einweisung und lernen, was „Fettreif“ und „Zuckerreif“ ist. Dies sind alles Prozesse, die bei Temperaturschwankungen entstehen, aber nicht die geschmackliche Qualität der Produkte berühren.

Schokolade aus Belgien mit der Hand verrührt

Beim Rundgang kommen wir an den Arbeitsplatz von Carsten Sikora.

Er rührt fast liebevoll Mandeln in aufgelöste Schokolade und verstreicht die Masse über ein Portionierungs-Brett: „Die Kunst ist hochwertige Ware, das richtige Rezept und die richtige Temperatur“, erzählt Carsten Sikora. Die in Belgien gekauften Schokoladenchips werden bei Walter aufgelöst und weiterverarbeitet.

Wenn man den Eigentümern Carsten Sikora und Thomas Jaeschke zuhört, spürt man die Liebe zu ihren Produkten. Die beiden wissen, dass hohe Qualität auch ihren Preis hat, und sind davon überzeugt, dass dies die Kunden auch honorieren. Bei diesen hochwertigen Naschprodukten sind die Kunden vom unvergleichbaren Schmelz, der leicht im Mund zergeht, angetan.

Das Jubiläum soll im Spätsommer begannen werden. Dafür wird eine Jubiläumspraline rausgebracht. Die Trüffelpraline ist mit einer Orangen-Ingwermarmelade gefüllt, die auf der Grünen Woche den Wettbewerb für die beste Marmelade gewonnen hatte.

Kiezprojekt mit glänzenden Kinderaugen

Neben all den Glückshormonen mit der Schokolade ist es Thomas Jaeschke und Carsten Sikora wichtig, das in der Nachbarschaft liegende Kiezprojekt MedienPoint zu unterstützen. So waren sie bei der Nikolaus- und Osterhasen-Aktion mit ihren Produkten dabei und haben viele Kinderaugen zum Glänzen gebracht.

Geschmack, Glückshormone und ein bisschen Sucht

Wer sich von der Qualität der feinen Walter-Schokolade überzeugen will, sollte einfach mal ein Stück probieren. Bei einem bis zu 70 %-igen Kakaoanteil ist die Ausschüttung von Glückshormonen wohl nicht mehr zu umgehen; Suchtpotential inclusive!

Thomas Moser (auch alle Fotos)

Kleines Schokoladenlexikon (mit anderen Worten und ausführlicher auch bei Wikipedia nachzulesen:

Fettreif entsteht durch Temperaturschwankungen. Die Fette lösen sich auf, dringen durch die Schokolade nach außen und bilden den Fettreif. Dies ist eher ein Qualitätsmerkmal, da dann weniger Zusatzstoffe verarbeitet wurden.

Zuckerreif entsteht, wenn Artikel fälschlicherweise im Kühlschrank gelagert werden. Die massiven Temperaturunterschiede im Sommer führen dazu, dass die Praline draußen anfängt zu schwitzen. Die Feuchtigkeit auf der Praline löst den Zucker in der Schokolade und bleibt außen haften. Es bildet sich eine leicht rauhe Oberfläche (nur auskristallisierter Zucker).

Beides mindert weder den Geschmack, noch ist es gesundheitsschädlich.

Der Klassiker:


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