Linke Diskussion in Lichtenrade: Sahra Wagenknecht und Kevin Kühnert im Gemeinschaftshaus

Eher ungewohnt für Lichtenrade, dass auch linke Politikerinnen und Politiker sich nach Lichtenrader verirren. Sahra Wagenknecht (MdB), bekannte Politikerin von den Linken im Bundestag, und Kevin Kühnert, Juso-Bundesvorsitzender und Bezirksverordneter der SPD in Tempelhof-Schöneberg, diskutierten mit weiteren gesellschaftlich aktiven Vertretern am 25. September 2019 in Lichtenrade darüber, wie das Land zu verändern ist. Jedenfalls war so die Überschrift der Einladung von der linken Sammlungsbewegung „Aufstehen“. Die Veranstaltung konnte auch über die sozialen Medien verfolgt werden.
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Lichtenrade ist -parteipolitisch betrachtet- sicher kein rotes Nest, keine rote Zelle oder eine SPD-Hochburg. Solange ich denken kann, hatte die CDU hier im Süden von Berlin in vielen Bereichen ein Heimspiel. So gab es schon öfters „hohen Besuch“ und Wahlkampfunterstützung von CDU-Politikerinnen und Politikern vom Bund im Gemeinschaftshaus Lichtenrade… Ursula von der Leyen, Wolfgang Bosbach, Volker Kauder, um nur einige zu nennen. Aber diesmal wurde der große Saal im Gemeinschaftshaus, der nach dem ehemaligen CDU-Politiker und verstorbenen Bezirksbürgermeister Wolfgang Krueger benannt wurde, zum Veranstaltungsort der geballten Linken. Und der Saal war richtig voll.


Da der Verfasser dieses Berichtes kein politischer Journalist ist und sich auch nicht auf dieses Feld begeben will, soll die Veranstaltung hier eher kurz erwähnt werden, zumal es für Lichtenrade in dieser Farbgebung schon etwas Besonderes ist. Kevin Kühnert, der ursprünglich ja ein Lichtenrader Gewächs ist, ist mittlerweile durch die Medien bundesweit bekannt. Er engagiert sich auch ganz praktisch in den „Niederungen“ der Bezirkspolitik in der BVV und im Ortsteil Lichtenrade. An diesem Tag ging es aber um mehr, denn grundsätzlíche Fragen der Gesellschaft, des Zusammenlebens und der Linken wurden angerissen. Auch an selbstkritischen Hinweisen an die eigene Adresse der Parteien fehlte es nicht und machte die Diskussionsbeiträge eher konkret.



Um nur einige Aspekte anzureißen: Sahra Wagenknecht, die mit Sorge in die Zukunft blickt, möchte den Menschen und nicht den Profit von Einzelnen im Mittelpunkt sehen, ohne dabei Konkurrenz und Wettbewerb abzuschaffen. Kurz und gut eine sozial gerechtere Gesellschaft.



Dieser Ansatz wird von Kevin Kühnert erwartungsgemäß geteilt. Um für eine mögliche linke Mehrheit eine Chance zu haben, ist für Kühnert der Kontakt mit den Grünen wichtig, auch wenn etliche Positionen nicht unbedingt geteilt werden. Keinesfalls will er sich bei all der von ihm geäußerten Kritik auf eine Rote-Socken-Kampagne oder ähnliches einlassen, nur wenn mal kritische Aspekte hinterfragt und angesprochen werden. Themen waren auch die Klimapolitik und ein Aspekt des Berufsbildungsgesetztes, wo besonders auch duale Ausbildungsgänge und Studium einen Raum finden müssen.

Eine Kernfrage war dann auch, wie das Vertrauensproblem, das SPD und Linke zweifellos haben, aufzulösen ist. Deutlich machte Wagenknecht, dass verspieltes Vertrauen nicht so leicht wiedergewonnen werden kann. Und die Linke hat z.B. in der Regierungszeit im Berliner Senat Fehler gemacht, so Sahra Wagenknecht. Sie macht deutlich, dass sie nichts davon hält, dass es den Leuten erst noch schlechter gehen muss, damit sie aufgerüttelt werden und vielleicht dann doch links wählen. Das wäre fatal und kann kontraproduktiv sein. Sie findet den Druck der Straße wichtig, damit Fragen der sozialen Gerechtigkeit vehement und prominent in den Mittelpunkt der Diskussionen gestellt werden. Auch Kühnert will nicht nur ein aktionistisches Handeln von einem zu anderen Thema, sondern eine soziale Politik mit Weitsicht.

Die Kampagne „Aufstehen“ wurde von Kühnert zumindest in den Anfängen kritischer gesehen, was aber aktuell keine Rolle zu spielen scheint. Jedenfalls scheint sich in dieser Bewegung eine Mehrheit von Linken in der Gesellschaft zu versammeln, die nicht in den linken Parteien sind.

Die Moderation von Laura Laabs (Aufstehen Neukölln) war locker und frisch, wobei es an diesem Abend zumindest bei den Hauptdiskutanten kaum um die großen Unterschiede ging, sondern eher Gemeinsamkeiten deutlich wurden.



Zum Abschluss, als Sahra Wagenknecht schon zu einem weiteren Termin eilen musste, wurde noch weiter diskutiert und kritische Redebeiträge von den Mitdisktanten beigesteuert. Mit dabei war Mohssen Massrrat (wissenschaftlicher Beirat; Attac Deutschland), Raoul Didier (Stellv. Vorsitzender DGB Kreisverband Tempelhof-Schöneberg) und Michael Prütz von der Initiative Deutsche Wohnen & Co Enteignen.

Im Vorraum präsentierten sich einige Lichtenrader Vereine und Initiativen. Bei all den Lichtenrader Gruppen ist der Austausch mit Politikern der verschiedenen demokratischen Parteien eine Selbstverständlichkeit. Und das ist ja auch gut so!

Thomas Moser

Dr. Alexander King, Bezirksvorsitzender Die Linke Tempelhof-Schöneberg, ließ es sich nicht nehmen... und Sahra Wagenknecht schrieb ihm eine Widmung in ihre Biografie.






Fotos Thomas Moser


 

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