Wer hat noch Fotos und kann Erlebnisse erzählen?

Ein Eisenbahnwaggon, der fast 85 Jahre in Lichtenrade stand und kaum bekannt war, hat Geschichte geschrieben!
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An dieser Stelle hatte der Waggon fast 85 Jahre gestanden, Kindern und Jugendlichen als Wetterschutz und zum Spielen gedient. Jetzt ist bereits das Transportgestell unter Wagen samt Bremserhäuschen montiert (Fotos Holger Jost / St. Matthias Gemeinde - Urheberrechtlich geschützt!)
Ein interessanter Eisenbahnwaggon eines sogenannten Preußischen Abteilwagens schlummerte Jahrzehnte in Lichtenrade und diente in den Anfängen Kindern als Regenunterschlupf. Das Ganze hatte sogar geschichtliche Dimensionen. 1934, als das Grundstück von der Schöneberger St. Matthias-Gemeinde im Lichtenrader Löwenbrucher Weg erworben wurde, organisierte der Ministerialdirigent  aus dem Reichsverkehrsministerium Dr. Erich Klausener diesen Wagenkasten. Der Katholik, der auch ein anerkanntes Gemeindemitglied von St. Matthias und der Vorsitzende der Katholischen Aktion im Bistum Berlin war, beschaffte diesen Waggon, zumal die Verwendung von Eisenbahnwaggons für andere Zwecke in dieser Zeit durchaus üblich war.

Ein letztes Lebenszeichen

Dies sollte jedoch als das letzte Lebenszeichen von Dr. Klausener in Erinnerung bleiben. Über die dramatische Geschichte nach der frohen Kunde mit dem Wagenkasten für das Gemeindegrundstück erzählte Pfarrer Dr. Josef Wienecke im Februar 2019 der Boulevard-Zeitung  BZ: „Nur eine halbe Stunde später wurde er (Anmerkung der Redaktion: Dr. Klausener) in seinem Büro von der Gestapo erschossen.“ Klausener galt in den Augen der Nazis als „gefährlicher Katholik“. Der Mord geschah in Zusammenhang mit dem sogenannten „Röhm-Putsch“.
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Erich Klausener (Foto Wikipedia)

Eisenbahnfans interessieren sich für den Waggon

Auf die Diskussion von Eisenbahnfans wurde die Redaktion von der Leserin der Lichtenrader Internetzeitung Svetlana Linberg hingewiesen. Schon längere Zeit wurde das Thema rund um diesen historischen Wagenkasten in der Internet-Plattform „Drehscheibe online“ eher unter technischen und Typen-Aspekten diskutiert. Carsten Friese fragt in diesem Forum, ob jemand was zu dem Waggon sagen kann.



Letzte Handgriffe am Transportgestell. Am vorderen Waggon-Ende ist gut zu erkennen, wie Bäume mit ihm verwachsen waren (Fotos Holger Jost / St. Matthias Gemeinde - Urheberrechtlich geschützt!)
Genauso oder sehr ähnlich wie dieser Waggon, der 1934 in Lichtenrade einen „Bahnhof“ fand, sahen die Züge beziehungsweise Waggons aus, die früher als Vorläufer der heute bekannten S-Bahn mit einer Dampflok durch Lichtenrade fuhren.

Neben den für Eisenbahnfans interessanten technischen Diskussionen, was für ein Waggon dies wirklich ist, erfährt man geschichtlich Spannendes und eine erschütternde Geschichte rund um diesen Eisenbahnwaggon auf der Website der Schöneberger Kirchengemeinde St. Matthias. In den Hintergründen (siehe weiter hinten) kann man näheres dazu erfahren.

Eine Reise ins Technikmuseum und wer kann was erzählen?

Seit 1934 bis Februar 2019 stand der Wagenkasten in Lichtenrade und wurde erst kürzlich mit einem Schwertransporter ins Deutsche Technikmuseum nach Kreuzberg transportiert, wo er nach einer "vorsichtigen Konservierung" der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden wird. Der Redaktion liegt dazu folgende Stellungnahme vom Museum vor: "Wir werden den Stadtbahnwagen in seinem jetzigen Zustand vorsichtig konservieren, aber nicht restaurieren. Der Vorteil: Alle Spuren der Nutzung als Kindergarten bleiben so erhalten, zum Beispiel die Kinderschaukeln im Inneren. Zudem kann man am Rest eines festgewachsenen Baumes an einer Stirnseite des Wagens dann auch zukünftig sehen, wie sich die Natur den Wagen „erobern" wollte. Der Wagen mit dem Baujahr 1897 diente ja nur 30 Jahre lang als Eisenbahnwagen im Berliner Nahverkehr, aber 85 Jahre als Kindergarten. In dieser Funktion erinnert er zudem an Erich Klausener. Der Beamte im Reichsverkehrsministerium hatte den Wagen 1934 für seine Kirchengemeinde beschafft und wurde noch am selben Tag wegen seiner kritischen Reden von den Nazis ermordet. Wir möchten die gesamte spannende Geschichte des Wagens am Objekt erkennbar lassen."

Ein Blick ins Waggon-Innere, in dem noch eine Kinderschaukel hängt (Foto Holger Jost / St. Matthias Gemeinde - Urheberrechtlich geschützt!)
Wer kann Geschichten und Erlebnisse zu diesem Eisenbahnwagen auf dem Erholungsgelände der Schöneberger Kirchengemeinde St. Matthias in Lichtenrade, Löwenbrucher Weg 49, erzählen? Das Waldgrundstück „Erich-Klausener-Platz“ ist sicher auch einigen Lichtenradern bekannt. In früheren Zeiten fanden dort auch Sommerfeste der katholischen Salvator-Gemeinde aus Lichtenrade statt.

Zu den Hintergründen
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Der Eisenbahnwagen, die Erholungsstätte von St. Matthias und Dr. Erich Klausener

Der Eisenbahnwaggon stand auf dem am Stadtrand am Wald in Lichtenrade gelegenen Grundstück der katholischen Kirchengemeinde St. Matthias aus Schöneberg. Dieses Grundstück gibt es seit dieser Zeit und diente als Erholungsstätte für Kinder und Jugendliche. Auf der Website der Kirchengemeinde heißt es dazu in den geschichtlich sehr interessanten Erinnerungen von Pfarrer Albert Coppenrath (1883-1960): „Ministerialdirektor Dr. Erich Klausener, der hochverdiente Vorsitzende der Katholischen Aktion im Bistum Berlin, war Mitglied meiner Pfarrgemeinde und meines Kirchenvorstandes. Da er im Reichsverkehrsministerium tätig war, hatte ich ihn in der letzten Juniwoche 1934 gefragt, ob er uns nicht zur beschleunigten Lieferung eines ausgedienten Eisenbahnwagens für unsere soeben erworbene Jugend-Erholungsstätte im Walde bei Lichtenrade verhelfen könne; der Wagen solle bis zur Errichtung eines Hauses als Schutzraum bei schlechtem Wetter dienen; da die Sommerferien unmittelbar bevorständen und da sich bereits viele Kinder für die dort geplante Ferienerholung gemeldet hätten, sei höchste Eile geboten. Am Sonnabend, 30. Juni, gegen 12 Uhr mittags, teilte Klausener mir fernmündlich mit, der Wagen werde am 3. Juli an Ort und Stelle sein. Hocherfreut dankte ich ihm für seine Bemühungen.“

Der Mord an Erich Klausener

Dr. Klausener wurde am 30. Juni 1934 ermordet. In dem Bericht „Der Mord an Dr. Erich Klausener“ heißt es zum dramatischen Kapitel aus der Geschichte der Pfarrgemeinde St. Matthias im unmittelbaren Anschluss zu den Hinweisen zum Eisenbahnwagen: „1½  Stunden später rief mich der Staatssekretär Koenigs aus demselben Ministerium an und bat mich im Auftrage des Verkehrsministers, Eltz von Rübenach, Frau Klausener zu benachrichtigen, dass ihr Mann soeben tödlich verunglückt sei. Auf meine Frage, wie Klausener denn verunglückt sei, antwortete er, Näheres könne er mir am Apparat nicht sagen. Ich bestand darauf, da ich doch Frau Klausener nicht einfach sagen könne, ihr Mann sei tot. Antwort: „Ich kann Ihnen nur sagen, dass Klausener erschossen in seinem Dienstzimmer liegt. Ob Selbstmord vorliegt oder was sonst, wissen wir nicht." Ich protestierte energisch gegen „Selbstmord" und, da mir blitzartig die Erleuchtung kam, dass es sich um eine politische Sache handele, fügte ich erregt hinzu: „Diesen Schwindel wird niemand glauben, der Klausener gekannt hat!"

Dieser Eisenbahnwaggon als letztes Lebenszeichen von Erich Klausener hat einen besonderen Erinnerungswert und hat nunmehr einen angemessenen Ort für seine alten Tage gefunden.

Der Umzug ins Technikmuseum ist erfolgt

Der Waggon wurde auf einen Tieflader gehoben… ein bisschen Wehmut war dabei (Foto Holger Jost / St. Matthias Gemeinde - Urheberrechtlich geschützt!)
Von Holger Jost aus der St. Matthias Gemeinde wurde in Facebook der Umzug des Wagenkasten erläutert: „Heute, am 19. Februar 2019, ging der alte Stadtbahn-Waggon (Typ: Preußischer Abteilwagen C3, Baujahr: 1897) auf seine letzte Fahrt. In Zukunft wird er seinen Platz im Deutschen Technikmuseum finden. Er hatte seit 1934 in der Walderholungsstätte von St. Matthias in Lichtenrade auf Sandboden gestanden und wurde jetzt von einem Kran auf einen Tieflader gehoben. Zuvor mussten einige 20 Meter hohe Spitzahorn-Bäume entfernt werden, die an einem Ende des Waggons schon praktisch untrennbar mit ihm verwachsen waren. Dann war unter dem Waggon ein Transportgestell befestigt worden, an dem der Kran das Ganze anheben konnte. Die Vorarbeiten dafür haben bereits im September 2018 begonnen. Der Waggon misst 2,8 mal 10,0 Meter und wog zusammen mit Transportgestell 9,3 Tonnen.“ Dann ging die Reise über die Berliner Straßen ins Museum.
Von der Leiterin der Pressestelle des Museums, Dr. Tiziana Zugaro, wird uns ergänzend mitgeteilt: "Der Wagen hat einen hölzernen Aufbau und stand acht Jahrzehnte unter freiem Himmel.Deshalb muss er erst einmal ganz langsam austrocknen, damit das Holz nicht reißt. Parallel erfolgen konservierende Maßnahmen und eingehende Untersuchungen. Insgesamt wird mindestens zwei Jahre dauern. Wir möchten den Wagen gerne in unserer dann überbeiteteten Dauerausstellung zum Schienenverkehr zeigen. Nach jetziger Planung wird das in etwa in 2021 der Fall sein. Der Wagen ist für uns ein äußerst interessantes Objekt, weil wir damit eine Vielzahl von Themen vermitteln können - den Nahverekehr in der damals noch jungen Metropole Berlin vor der elektrischen S-Bahn, das "Aufbrauchen" von Eisenbahnfahrzeugen zu anderen Zwecken, das früher weit verbreitet war, und die politische Geschichte anhand der Person Klausener."

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Diese Tafel nennt Dr. Erich Klausener, der im Juni 1934 diesen Waggon für die Gemeinde St. Matthias beschafft hatte - und 1 Stunde danach von SD und Gestapo in seinem Dienstzimmer im Reichsverkehrsministerium ermordet wurde (Foto Holger Jost / St. Matthias Gemeinde - Urheberrechtlich geschützt!)
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Die Reise durch Lichtenrade und...(Copyright für Foto "SDTB")
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... Berlin beginnt (Copyright für Foto: "SDTB")
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Eine der ersten Reaktionen des Lesers "Same Al Faker" auf Facebook; Foto von ca. Ende Februar 2019 nach der Ankunft im Verkehrsmuseum gesichtet (Danke für die Genehmiung der Veröffentlichung)
Wer weiß Näheres zum Eisenbahnwaggon?

Vermutet wird, dass diese Art von Personenwaggons mit Baujahr 1891 im Berliner Vorortverkehr eingesetzt wurde oder ein Stadtbahnwaggon war.

Wer kann irgendetwas zu diesem Eisenbahnwagen und zur Geschichte in Lichtenrade beitragen? Wer war bei der Aufstellung dabei? Wer hat noch historische Fotos und Berichte in diesem Zusammenhang? Im Technik-Museum werden wir die Fortentwicklung der Konservierungsarbeiten beobachten.
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Eine erste Reaktion der Leserin "Sill Lei" auf Facebook; Foto im Rahmen einer Klassenfahrt ca. 1988 (Danke für die Genehmiung der Veröffentlichung)

Die Redaktion der Lichtenrader Internetzeitung und der Kiezreporter Thomas Moser freuen sich über Zuschriften: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! DANKE!
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Thomas Moser

Fotos von der Vorbereitungen zum Transport mit freundlicher Genehmigung von Holger Jost / St. Matthias Gemeinde (Urheberrechtlich geschützt!) Vielen Dank!

Weitere aktuelle Fotos vom Grundstück: Thomas Moser

Weiterführende LINKS:

Hier der Link zu der Diskussion im Eisenbahn-Forum: https://www.drehscheibe-online.de/foren/read.php?031,8661263,8661263#msg-8661263

Website der Kirchengemeinde St. Matthias - Geschichtlicher Teil von Erich Klausener: https://st-matthias-berlin.de/gemeinde/der-mord-an-dr-erich-klausener.html

Erich Klausener in Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_Klausener

Facebook-Bericht der St. Matthias Gemeinde vom 19.2.2019: https://www.facebook.com/stmatthiasberlin/

Deutsches Technik Museum Berlin: https://sdtb.de/stiftung/startseite/ und https://www.facebook.com/deutschestechnikmuseum

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Ergänzende Hinweise zum Museum
Die Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin (SDTB) ist eine Stiftung öffentlichen Rechts. Träger ist das Land Berlin.
Ein Teil ist das Deutsches Technikmuseum
26.500 Quadratmeter Ausstellungsfläche -
Gegründet im Jahr 1982, eröffnet am 14. Dezember 1983, versteht sich das Deutsche Technikmuseum als Nachfolgeinstitution der vor dem Zweiten Weltkrieg existierenden, technischen Sammlungen und Museen Berlins.
Das Deutsche Technikmuseum zählt zu den meistbesuchten Museen der Stadt und gilt als eines der führenden Technikmuseen weltweit. Auf dem geschichtsträchtigen Gelände des Verkehrsknotenpunktes Gleisdreieck und des Anhalter Güterbahnhofs gelegen, lädt es zu einer erlebnisreichen und lustvollen Reise durch die Kulturgeschichte der Technik ein. Ausstellungen zu Luftfahrt, Schifffahrt, Schienenverkehr, Automobilität, Filmtechnik, Computergeschichte, zu Chemie und Pharmazie und vielem mehr.


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