Bericht Marianne Neumann 2 -
Die Heimkehr und der Bürgermeister von Lichtenrade

hier müssen noch das letzte Fotos eingefügt werden: http://www.lichtenrade-berlin.de/marianne_neumann_heimkehr.html

Autobiografie von Marianne Neumann -Teil IV (leicht gekürzt)- Heimkehr von Aken nach Berlin 1945
Der Bürgermeister von Lichtenrade

Völlig überraschend und unverhofft stand mein Vater Anfang Juni 1945 bei meinen Großeltern in Aken vor der Haustür. Er wollte meine Mutter und mich wieder nach Berlin holen, da niemand von der deutschen Bevölkerung wusste oder ahnte, wie die politische Zukunft Deutschlands sich gestalten würde. Ob vielleicht die Elbe als Grenze zwischen der sowjetischen Armee und den anderen drei Besatzungsmächten bestehen blieb? Wie mein Vater die Reise von Berlin bis Aken durch das von Russen besetzte Land überstanden hatte, ist mir in der Rückblende meiner Kindheitserinnerungen nicht mehr geläufig. Zumal fast sämtliche Verkehrswege durch Kriegszerstörung in Schutt und Asche lagen. Auf alle Fälle nahm er uns unversehrt und freudig in die Arme, und die kleine Familie war wieder vereint. Er berichtete uns von den letzten Ereignissen, die in Berlin während unserer Abwesenheit passiert waren, von denen wir hier auf dem Land nichts wussten, da es keinerlei Informationsfluss mehr gab…

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Jetzt komme ich wieder zu meinen Erinnerungen. Mein Vater berichtete uns über einige Ereignisse, die er in den vergangenen Kriegsmonaten in Berlin erlebt hatte. Die letzte Zeitung in Berlin erschien mit der Schlagzeile: „Berlin wird den Sowjets nicht übergeben - der Führer ist bei uns!“ Was für eine Groteske! Die Berliner wünschten sich nichts sehnlicher, als das alles vorbei sei, Hitler mit dem ganzen „Nazispuk“, vor allem der Krieg, aber sie mußten noch viele Grausamkeiten und Greultaten durch die Rote Armee erleiden, bis wieder ein einigermaßen vernünftiges Leben in ihrer Stadt einkehrte.

Die Kämpfe von Mann zu Mann in den Häusern und Dächern, die wahllosen Erschießungen und Gewalttaten an der Bevölkerung durch die russischen Soldaten verliefen brutal und unfassbar. Die ersten Russen, die Berlin erblickten, sahen klein, stämmig und ärmlich, dreckig, erschöpft und müde aus. Sie wirkten nicht wie die Sieger Stalins. Erst nach und nach begriffen sie selber, dass sie die Sieger waren, und wollten es einander und sich selbst beweisen.

Sie zerrten Kinder und Frauen aus den Häusern, vergewaltigten und schändeten sie. Es war ihnen völlig egal, ob es junge oder alte Frauen waren, wenn sie sich wehrten oder verweigerten, wurden sie grausam erschossen. Im Übrigen ein Thema, das lange in der Öffentlichkeit verschwiegen wurde. Ein russisches Sprichwort sagt, dass derjenige, der mit einer alten Frau schlafe, auch ein reifes Alter erreicht.

„Frau komm“ ertönte der schrecklich Ruf. Ich habe ihn einmal gehört, aber ich war zu jung und wusste damals auch nicht, was dieser schreckliche Ruf bedeutete. Ich ahnte nur, es muss etwas Furchtbares sein. Viele Selbstmorde erlebte die gebeutelte Stadt Berlin….
Von diesen kuriosen Erlebnissen gab es in jener Zeit viele. Obwohl sich die Berliner in einer katastrophalen Lage befanden, verließ sie ihr Humor nicht. Sie erfanden immer lustige Witze über das Verhalten der Besatzer. Allmählich versuchten die Russen mit Unmengen von Verordnungen das Berliner Leben einigermaßen zu normalisieren.

Mein Vater erzählte, dass das Haus in Berlin, indem wir wohnten, außer ein paar abgedeckten Dachziegeln und zerborstenen Fenster die Kriegswirren unversehrt überstanden hatte. Auch wurde es dank seiner persönlichen Initiative nicht von den Russen geplündert, und unser Inventar blieb verschont.

Durch seine fließenden russischen Sprachkenntnisse konnte er manches Unheil verhindern. Er hatte einige Frauen vor der Vergewaltigung durch Russen beschützen können. Auch dank seiner Nichtzugehörigkeit zu einer Partei, einer politischen Hitlerorganisation oder zur Wehrmacht wurde er als einer der damals wenigen russisch sprechenden Personen sofort von dem russischen Kommandanten als Bürgermeister von Lichtenrade, ein Vorort von Berlin, eingesetzt.

Hierdurch ergaben sich für ihn einerseits erfreuliche Vorteile, leider aber auch unangenehme Situationen. Jeden Abend feierten die russischen Besatzer ihren Sieg über Deutschland, mit reichlich Proviant und Alkohol, und dazu luden sie meinen Vater ein. Durch diese Beziehung erhielt mein Vater jede Menge Nahrungsmittel, die er wiederum an die hungernde Nachbarschaft verteilte. In den letzten Kriegsmonaten und in den ersten Monaten der Besatzung litt die Bevölkerung unter unsäglichem Hunger, auch die Wasserversorgung und der Strom fiel völlig aus.

Als mein Vater eines Abends von der Kommandantur nach Hause ging, wurde er von einem betrunkenen russischen Soldaten angepöbelt, warum er sich um diese Zeit, da doch ab 20 Uhr für die deutsche Bevölkerung Ausgangssperre verordnet sei, noch auf der Straße befinde. Er antwortete ahnungslos auf Russisch, er hätte einen gültigen russischen Passierschein für die nächtliche Sperrfrist, er käme gerade von der Kommandantur und gehe jetzt nach Hause. Worauf der Soldat ihn anbrüllte und schrie, er sei ein Regimeverräter, da er zaristisches Russisch spreche, ein Volksfeind der Rotarmisten, und die müssen alle erschossen werden.
Zur Aufklärung: Dem einfachen Soldaten wurde von der kommunistischen Partei eingetrichtert, dass verdächtige Menschen, die gegen das kommunistische Volk agieren, seien alle Staatsfeinde und man müsse sie sofort töten. Dazu gehörten auch viele Russen, die während der Revulotion 1917 vor dem kommunistischen Regime in den Westen flüchteten und dort blieben. Diese Personen gehörten damals auch zu den Staatsfeinden der Sowjetunion.

Da mein Vater altrussisch sprach, schien das für den primitiven Russen ein Erkennungszeichen, dass er ein emigrierter Russe sein könnte. Er befahl meinem Vater sich an die Häuserwand zu stellen, und zielte mit der Kalaschnikow auf ihn. Mein Vater dachte, sein letztes Stündlein hat nun geschlagen. In der letzter Minute erschien, wie durch ein Wunder, ein ihm bekannter russischer Offizier, mit dem er am Abend zusammen gesessen hatte, und schrie den betrunkenen Soldaten an, was ihm einfiele, deutsche Zivillisten zu erschießen. Der Soldat flüchtete sofort, und mein Vater bedankte sich herzlich für diese, seine Lebensrettung.

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Übrigens, bereits während der Russischen Revolution war mein Vater des öfteren im tiefen Russland in eine solche lebensgefährliche Situation geraten. Natürlich sprach er russisch mit einem zaristischen Akzent. Er war während des Kommunisten Aufstands in Russland Student an der Moskauer Universität, und alle Studenten wurden vom Zaren in die Armee verpflichtet. Aber er war kein Russe, sondern Baltendeutscher und in Mitau bei Riga geboren. Diese Personen wurden schon damals von den Bolschewisten im Baltikum verfolgt, und mein Vater flüchtete 1918 auch nach Deutschland.

Auch wurde mein Vater von der russischen Kommandantur gezwungen, Quartiere, Häuser und Wohnungen für die Soldaten zu konfiszieren. Die armen Leute, deren Räume beschlagnahmt wurden, hatten nur wenig Zeit, ein paar Habseligkeiten mitzunehmen. Anschließend standen sie obdachlos auf der Straße, und wenn sie Glück hatten, nahmen sie mitleidige Nachbarn auf. Nach dieser unangenehmen Aufgabe, die Nachbarn und Bewohnern aus ihren Häuser und Wohnungen auszuquartieren, wurde mein Vater von den Lichtenradenern lange nicht mehr gegrüßt.

Bei Abzug der Besetzer waren die Unterkünfte kaum noch bewohnbar. Wie die Vandalen hinterließen die Russen ihre Behausungen. Sie raubten alles Mobiliar und rissen sämtliche Hähne, Wannen, Klosetts und selbst die Leitungen aus den Wänden, sogar das Parkett wurde nach Russland abtransportiert. Obendrein verschmutzten sie die Räume mit ihren Exkrementen, denn ihre Furcht vor den Toiletten war groß. So gab es noch etliche Ereignisse mehr über das Kriegsende zu berichten…

Ich stellte plötzlich fest, dass sie doch tatsächlich ihre Orden in Zellophan eingewickelt trugen. Ich dachte mir, vielleicht rostet das Zeug beim Regen oder die Medallien sind aus Pappe. Mein Vater bestätigte mir nachher meine Vermutung: Sie bestanden aus Pappe! Er erzählte folgendes: Er wurde von dem russischen Kommandanten in Lichtenrade beauftragt, Orden zu organisieren. Ihm fiel ein bekannter Altberliner Maler ein, Herr Heinrich, den er in Lichtenrade kannte, und beauftragte ihn, Orden aus Pappe anzufertigen. Der Künstler war über diesen Auftrag überglücklich, da er als Bezahlung Lebensmittel von den Russen bekam. Später bedankte er sich für diese Geste meines Vaters in Form von zwei wunderschönen bekannten Altberliner Darstellungen, der Nussbaum in der Fischerstraße und die Petrigstraße Straße. Beide Bilder hängen heute in meinem Wohnzimmer, er malte auch ein Kinderbildnis von mir, das heute bei mir im Esszimmer hängt…

...Als wir aus dem halb zerbombten Bahnhof heraustraten, erblickten wir eine unendliche Schuttlandschaft ohne Bäume, die in gleißender, heißer Sonne dalag. Einige Häuserfassaden ragten mit Ruß geschwärzten Fensterhöhlen aus den Stein- und Trümmerbergen hervor. Ab und zu bewegten sich vereinzelte, schleichende, zerlumpte Menschen, die zwischen den Ruinen nach ein paar Habseligkeiten gruben. Der Anblick dieser zerstörten Stadt bleibt mir unvergessen, und ich sah, wie meinen Eltern und Familie Loseit die Tränen in den Augen standen. Ein Aufbau Berlins schien damals fast unmöglich.

Da es kaum noch Straßenschilder gab, gestaltete sich die Orientierung nach Lichtenrade schwierig. Wir marschierten über Schuttberge Richtung Süden, denn Lichtenrade, ein Vorort von Berlin, lag im Süden. Endlich, völlig erschöpft erreichten wir gegen Abend meine geliebte Mozartstraße, in der unsere Häuser standen. Die alten mir so sehr vertrauten Platanen säumten nach wie vor die Mozartstraße, sie hatten die Bomben und die Feuerstürme ohne Schaden überstanden. Ihr schützendes Blattwerk überzog noch immer die Fahrstraße, und man konnte im Regen ohne Schirm unter ihnen hindurch gehen. Auch meinte ich, das Kopfsteinpflaster glänzte und schimmerte in der Abendsonne wie graue Perlen. Eigentlich hasste ich es. Im Herbst war es mit den fallenden nassen Blättern der Bäume bedeckt, und beim Spielen und Radfahren rutschten wir oft darauf aus und schlugen uns die Knochen auf. Noch heute ziert eine Narbe mein linkes Knie.

Auch jetzt noch höre ich ganz deutlich das dumpfe Geräusch des Pferdefuhrwerks des Milchwagens von Bolle, der über das Pflaster der Straße klapperte. Er hielt jeden zweiten Tag morgens vor unserem Grundstück und brachte uns die Milch; dabei bimmelte er kräftig mit einer großen Handglocke, bis alle Bewohner ihre Milch abholten. Zu meiner großen Freude durfte ich ab und zu dem dicken braunen Kaltblüter eine Mohrrübe reichen. Leider hielt diese romantische Ära nicht lange an. Bolle ging mit der Zeit und fuhr eines Tages hupend mit einem Auto vor. Jetzt verkaufte er nicht nur die Milch, sondern auch Butter, Käsepruduckte und einige Lebensmittel. Den Ausdruck „sich wie Bolle uff`m Milchwagen amüsieren“ benutze ich bis zum heutigen Tage und der Berliner auch heute noch.

Jedes zweite Haus in unsere Straße war nur noch eine ausgebrannte Ruine, aber unser Zuhause, auch Loseits Haus stand unversehrt da. Wir konnten unser Glück kaum fassen, wieder daheim zu sein. Euphorisch glaubten wir, alles würde nun gut werden. Welche schwierigen Lebensbedingungen wir in den nächsten Jahren noch erfahren mußten, ahnten wir Gott sei Dank zu jener Zeit noch nicht. Fast die ganzen nächsten drei Jahre, mit der Hungerszeit, der Blockade und der Angst vor der russischen Politik, konnten wir immer noch nicht in Frieden leben.


Fotos: Marianne Köhler (hier mit Mutter) -1945

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