Bericht von Irma Heine – Eine Kindheit bei Opa´s Tischlerei

Irma Heine lebte als Kind auf dem Grundstück der Großeltern Reßler, denen die Zimmerei in der Prinzessinnenstraße / Ecke Prinz-Heinrich-Straße gehörte. Frau Heine berichtet besonders über ihre Erinnerungen in Bezug auf Kriegs-Nachkriegszeit und Kirche:

Schon als Kind habe ich mich immer über die unterschiedlichen Orte in Lichtenrade gewundert, wo 'Kirche' stattfand. Es gab da die Landeskirchliche Gemeinschaft, dann die Sonntagsschule in der Riedinger Straße, außerdem gab es die Diakonissen in Salem und zudem die Dorfkirche und die Küsterei.
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Weihnachten 1961 (Vater von Irma Heine)

Meine Großmutter ging während des Krieges nach Salem zu den 'Stündchen', nicht zu den Diakonissen. Stündchen nannte man die Zusammenkünfte der Landeskirchlichen Gemeinschaft, eine Gemeinschaft innerhalb der evangelischen Landeskirche, eine Laienkirche. Die Gründer dieser Gemeinschaft fanden die Sonntagspredigten nicht ausreichend. Sie hatten oft einen Reiseprediger und sie trafen sich immer sonntags und mittwochs um 17 Uhr bzw. im Sommer um 20 Uhr. Meine Großmutter hat mich Ende 1943 / Anfang 1944 auch mal zu einer Bibelstunde mitgenommen. Die fand in Salem im 1. Stock statt, in einem Raum mit einem großen holzbefeuerten Ofen. Ich war 7 Jahre alt. Sonst waren nur alte Männer und Frauen in schwarzen Mänteln da. Ich war das einzige Kind dort. Ich weiß nur noch, dass ein Lied gesungen wurde, das mich sehr angesprochen hat: „So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich kann allein nicht gehen, nicht einen Schritt. Wo du wirst geh'n und steh'n, da nimm mich mit.“

Die Dorfkirche wurde im Krieg zerstört. Darum fand der Konfirmandenunterricht von Pfarrer Jellinghaus, der in Salem predigte, am Dorfteich statt, die Konfirmationen aber in Salem. Zur Konfirmation musste man 2 Jahre vorher in der Küsterei in der Goltzstraße angemeldet werden. 1949 wurde noch in Salem konfirmiert, wohin meine Eltern seit 1946 regelmäßig zum Gottesdienst gingen. Meine Konfirmation war dann aber 1950 in der Dorfkirche, zu der ich keinen Bezug hatte. Mit 13 ½ Jahren wurde ich konfirmiert.
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Konfirmation 7. Mai 1950 (Irma Heine 1. Reihe Mitte, lks. vor Pfr. Jellinghaus)

Mein Vater kam kurz bevor die Russen nach Berlin kamen, mit dem Fahrrad von seiner Arbeitsstelle im Spreewald zurück und musste sich gleich am nächsten Morgen, dem Sonntag, zum Volkssturm-5 melden. Da mussten selbst die Einarmigen und Einbeinigen hin und die, die fast blind waren. Diejenigen, die sich nicht meldeten, wurden an den Laternenpfählen aufgehängt. Ich durfte das Haus nicht mehr verlassen, weil diese Menschen aufgehängt wurden und ein Schild trugen wie „Ich verweigere mich“ (oder so ähnlich).

Die Frau aus dem Uhrengeschäft „Uhren Hübner“ informierte uns, dass man einen Zettel vom Vater gefunden hatte, aus dem hervorging, dass er noch lebt. Ihr Mann sei aber tot. Zu der Zeit waren schon die Russen auf dem Grundstück meiner Großeltern. Wir fühlten uns relativ gesichert durch die russischen Offiziere. Die Großeltern haben aber uns Kindern verboten, das Haus zu verlassen. Die Erwachsenen blieben im Haus und auf dem Grundstück.

Nach einer Woche tauchte ein alter Mann auf, den ich nicht wiedererkannte. Das war mein Vater. Er erzählte, wo er war: In Mariendorf rechts neben dem Teich in einem Haus (ehemals Kinderheim, heute Kindergarten). Dort haben die Russen jede Menge Volkssturmleute an die Wand gestellt zum Erschießen. Mein Vater stand schon an der Wand. Dann kam jemand rein und fragte, ob jemand ein Pferdefuhrwerk fahren könne. Da hat sich mein Vater gemeldet, obwohl er so etwas noch nie gemacht hat. Dadurch hat er überlebt und sich dann irgendwie durchgeschlagen. Die eine Woche hat ihn sehr stark verändert. Er hat dann beim Großvater angefangen, als Tischler zu arbeiten. Er hatte eine Ausbildung als Kunst- und Möbeltischler gemacht. Opa hatte in der Firma ungefähr 25 Beschäftigte, darunter immer einen Tischler und das andere waren Zimmerleute. Ab 1946 arbeitete mein Vater dann als Haushandwerker in Salem.

Zusammen mit meinem Vater holte ich aus unserer alten Wohnung am Kreuzberg, wo jetzt andere Menschen lebten, unsere Möbel mit einem geliehenen Pferdefuhrwerk ab. Wir nahmen alles mit, was auf den Wagen draufging. Am Ullsteinhaus mussten wir über eine Notbrücke fahren – da ging es steil runter und auch wieder rauf. Der Gaul schaffte es nicht rauf. Da half uns ein schwarzer amerikanischer Soldat, der dort mit einem Jeep die Brücke überqueren wollte. Es war die Nacht, in der die Amerikaner nach Berlin reinkamen.

Wir sind dann über den Mariendorfer und Lichtenrader Damm gefahren. Kurz vor der Überführung des Güteraußenringes hatte unser Fuhrwerk einen Platten. Wir übernachteten auf dem defekten Pferdefuhrwerk im strömenden Regen auf dem Radweg neben den Straßenbahngleisen kurz vor der Brücke. So konnten wir beobachten, wie die Amerikaner auf der 'falschen' Straßenseite, was mich damals als Kind entsetzte, mit den Panzern nach Berlin rein fuhren. Am nächsten Morgen lief mein Vater zum Bauern und holte ein Ersatzrad und ein Ersatzpferd. Mein Großvater holte mich mit seinem Fahrrad ab und gab mir aus einer Flasche Milch zu trinken. Er hat mich dann in eine Decke eingepackt und vorne auf dem Fahrrad nach Hause mitgenommen.

Nach dem Krieg lernte ich Kinderkrankenschwester im Christophorus-Kinderkrankenhaus.

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Kinderkrankenhaus und Kirche (Salvator, noch ohne Turm)

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Eingangsbereich/Anmeldung Kinderkrankenhaus

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Balkon Kinderkrankenhaus (1955-Station 6)

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Frühstück auf dem Balkon (1955-Station 6)

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