Hausaufsatz

Hausaufsatz von Ingeborg Heine - 21.10.1953

Der malerische Winkel von Lichtenrade: Die Dorfkirche und der Dorfteich mit dem Anger

Wenn ich aus dem Zimmerfenster sehe, so leuchtet rechts von den dicht zusammengedrängten Dächern, schon etwas verblaßt durch die Entfernung, das rote Ziegeldach von dem Turm der Dorfkirche. Es ist dies der malerische Winkel, den ich nun beschreiben möchte, so, wie er früher war und heute ist.

Die Dorfkirche ist als Wehrkirche erbaut, und im Laufe der Zeit wurde manches verändert. Besonders der Turm hat manche Veränderungen erfahren. Bevor der Turm, der heute zu sehen ist, mit den zwei Goldkreuzen gebaut wurde, hatte die Dorfkirche einen spitzen Turm, der jedoch am 23. Dezember 1943 einem Luftangriff zum Opfer fiel.
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Wenn mann durch die schwere Holztür, mit dem Spruch: „Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit“, eintritt, kommt man in einen Vorraum. Von diesem führt rechts eine gewundene Treppe zur Empore, an dieser vorbei komme ich durch eine andere Tür zur Treppe, die zum Turm und zu den Glocken führt. Dem Haupteingang gegenüber gelangt man in den Vorraum der Kapelle. Wir durchschreiten mit Mittelgang, und unser Blick fällt auf das braune Holzkreuz hinter dem Altar. Von der weißgetünchten Wand hebt es sich gut ab. Mein Großvater hat es aus Limba-Holz gefertigt, mein Vater hat Datum und Widmung in den Fuß geprägt, und darum ist es mir besonders lieb. Der Altar ist schlicht, so, wie er zu einer protestantischen Kirche gehört. Zwei Leuchter stehen auf der Altardecke, die, je nach der Zeit des Kirchenjahres, gewechselt wird. Bei besonderen Anlässen werden noch zwei kleinere Leuchter hinter die große geschlagene Bibel gestellt. Links neben dem Altar steht das Taufbecken. Auf den breiten Fenstersimsen der Rundbogen-Fenster stehen Blumen, wechselnd nach der Jahreszeit. Die Kanzel rechts vom Altar ist noch ein Notbau. In zwei Reihen mit einem Mittelgang, der auf den Altar zuführt, stehen die Bänke. Mein Großvater hat die Bänke in der Firma des Herrn Gottschling gebaut, und ich entsinne mich dessen noch sehr deutlich. Von der Kanzel an der rechten Seite ist die Sakristei, sie ist ein Anbau. Wenn man vor der Kanzel steht und hoch blickt, sieht man die Empore. Sie ist aus Holz, aus dicken schweren Bohlen und Balken und von unten noch durch Balken gestützt. Die Stützbalken haben eine einfache, aber doch wirkungsvolle Stecherei.

Die Decke wird von schweren Holzbalken getragen. Vor dem Angriff 1943 hatte die Kirche eine Tonnendecke, unter der Bauleitung des Herrn Architekt Haufe hat mein Großvater die Zimmereiarbeit ausgeführt.

Die Orgel steht recht auf der Empore. Sie stand beider Einweihung hinten an der Wand, es sah besser aus, konnt aber aus akustischen Gründen nicht beibehalten werden. Am Pfingstsonntag dieses Jahres wurde sie eingeweiht.

Sie ist aus Ludwigsburg bei Stuttgart, wo sie von der Firma Walcker hergestellt wurde. Sie hat ca. 500 Pfeifen, die auf zwei Manualen und einem Pedal zum Erklingen gebracht werden. Bei der Orgelweihe war die Kirche dichtgedrängt voll. Trotz der Fülle herrschte tiefe Stille, als die Orgel zum ersten Mal vor der Gemeinde ertönte.

An einem Abend sind wir zum Turm hinaufgeklettert. Die Dorfkirche hat jetzt nur noch zwei Glocken, eine große und eine kleine, die ziemlich versteckt im Gebälk hängen. Die kleine Glocke bekam die Dorfkirche 1950 wieder. Sie war während des Krieges abgenommen worden. Man fand sie 1949 in Hamburg auf einem Lagerplatz. Die Kirche setzte sich dafür ein, daß die Glocke nach Lichtenrade zurückkam. Es war ein feierlicher Augenblick, als sie wieder aufgehängt wurde. Nun tut sie schon drei Jahre wieder ihren Dienst. Auf Stiegen und Leitern klettern wir weiter. Noch eine ziemlich steile Leiter geht es hinauf, die Vögel haben hier oben freien Eintritt und dann kann man, auf einem schmalen Mauervorsprung stehend, durch ein kleines Fenster sehen. Der Ausblick ist nicht sehr weit, aber man kann den Dorfteich mal von oben sehen, und er wirkt wirklich hübsch, umrahmt von den grünen Büschen, hier und da eine Bank als roten Punkt.

Bei meiner Konfirmation wirkte die Dorfkirche schmäler als sonst, aber doch wieder gewaltiger, es wirkte alles so fremd und doch wieder vertraut. Die feierliche Stille ließ die Musik kräftiger klingen, und die Glocken läuteten nicht wie sonst, es war Musik, die da ertönte. Durch solch ein Erlebnis wurde mir dieser Winkel besonders lieb.

Ein Spaziergang zum Dorfteich und dem anschließenden Anger ist für mich immer etwas besonders Schönes.

Die Trauerweiden lassen ihre Zweige tief ins Wasser hängen und es bilden sich Gänge zwischen dem Stamm und den Zweigen, so daß es im Sommer angenehm kühl darunter ist. Ungefähr vierzehn Kastanienbäume werfen ihre Schatten auf die Wiese.

Als ich eines Abends spät von einer musikalischen Feierstunde am Dorfteich vorbeiging, regnet es , und er Wind pfiff durch die Bäume. Der Teich glänzte im Licht des Mondes hin und wieder auf. Die Bäume sahen dunkel und gespenstisch aus, und in den Baumkronen raschelte es.

So hat dieser malerische Winkel auch zu dieser späten Stunde seine Reize.

Dies Hausarbeit wurde mit „II“ bewertet

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