Mälzerei

lichtenrade-berlin-maelzerei_vorneIn Lichtenrade siedelte sich noch vor 1900 die erste Industrie an. Hier sollte jetzt die Bierherstellung im industriellen Maßstab möglich werden.
Etwa 1890 wurde das Bornhagensche Gut aufgeteilt. Der Generaldirektor der Schlossbrauerei Schöneberg Max Fincke erwarb so 40 Morgen. 1893 ließ er am Bahnhof Lichtenrade das „Wirt(h)shaus Lichtenrade“ (später als Haus Buhr“ und „Landhaus Lichtenrade“ bekannt; seit Jahren leider geschlossen) erbauen.Das gesamte Ensemble steht unter Denkmalschutz. Das Haus Buhr wurde erst am 22.2.2015 als Baudenkmal anerkannt.

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Die Eröffnung fand am 1.4.1894 statt. Hier wurde das Bier der Brauerei ausgeschenkt. Ein großer Garten mit hohen Bäumen lockte viele Ausflügler an. Bis in die siebziger Jahre gab es im Biergarten zu Pfingsten große Konzerte.
Das weithin sichtbare Lichtenrader Baudenkmal, die Mälzerei, wurde erst in den Jahren 1897-1899 vom Regierungsbaumeister Wilhelm Walter erbaut. Walter hat auch das Gebäude der Viktoria-Versicherung in der Lindenstraße in Kreuzberg erbaut. Kurze Zeit nach Bau der Mälzerei wurden auch die ersten kleineren Grundstücke in der Bahnhofstraße von der Schlossbrauerei verkauft.
Hier entstanden dann die ersten Häuser (Nr. 28/29).
Die Schlossbrauerei Schöneberg war eine Filiale der beim Schöneberger Prälaten angesiedelten Kindl-Brauerei.
Die Mälzerei war über viele Jahre das einzige industrielle Unternehmen in Lichtenrade. Hier wurden jährlich 60.000 Zentner Malz erzeugt. In der Mälzerei konnte erstmals auf den Einbau einer Malztenne, die sonst durchaus Probleme mit sich brachte, verzichtet werden. Im Gegensatz zur bisherig üblichen Methode, wo man den Keimprozess der Natur in der Malztenne überließ, wurden 10 Keimtrommeln im Kellergeschoss aufgestellt. Es wurde Wassernebel erzeugt und es gab eine künstliche Luftventilation.
lichtenrade_berlin_maelzerei_innen_neu3So wurde die neue Methode des sogenannten pneumatischen Keim prozesses erfunden. Das Verfahren wurde von Nikolaus Galland entwickelt, die Maschinenfabrik J.C. Freund stellte die Maschinen her. Das Zeitalter industrieller Bierherstellung war angebrochen.

Die Mälzerei war lange Zeit über Gleisanlagen neben der S-Bahn zu erreichen. So wurden die Rohstoffe und das Bier über die Schiene transportiert. Es wird berichtet, dass bis zu 28 Waggons hier je Tag gezählt wurden. So kann man sich gut vorstellen, dass es hier ein reges Treiben gab.

Die anderen Gewerbetreibenden aus Lichtenrade und Umgebung wurden auch über die Schiene versorgt. Da kein Güterbahnhof vorhanden war, hat die Mälzerei die Aufgabe des Umschlagortes übernommen.lichtenrade_berlin_maelzerei_innen_neu8

Pferdefuhrwerke brachten das Bier dann in die Orte Buckow, Schönefeld, Eichwalde, Mittenwalde, Rangsdorf, Großbeeren und Marienfelde. Die Lichtenrader Gastwirte wollten das Schlossbräu zunächst nicht einführen. Die Errichtung der Probierstube (Wirtshaus Lichtenrade) wurde als Konkurrenz angesehen. So wollte man nicht auch noch dieses Bier ausschenken. Der Bierausschank des Wirtshauses lockte jedoch viele Berliner Ausflügler nach Lichtenrade. So sahen sich die Gastwirte dann doch gezwungen, auf das Bier aus dieser Produktion umzustellen.
Ab 1910 stellte die Mälzerei eine mit Maschinenkraft angetriebene weit hörbare Alarmsirene für die Feuerwehr zur Verfügung. Dies wurde durch Verhandlungen der Gemeindeverwaltung und der 1906 neu gegründeten freiwilligen Feuerwehr mit der Mälzerei erreicht. Vorher wurden die Männer durch Blashörner zur Feuerwache gerufen. Ein weiterer Fortschritt zur Sicherheit des Dorfes war getan.
Nach dem ersten Weltkrieg bauten andere Brauereien eigene Mälzereien. So wurde die Produktion in Lichtenrade dann auch eingestellt. Besitzer des Geländes und des Gebäudes blieb jedoch die Schlossbrauerei. Das Gebäude wurde als Lagerhaus vermietet. Es konnte 4.000 Tonnen Lagergut aufnehmen.
Das Maschinenhaus wurde abgerissen und der hohe Schornstein wurde gesprengt. Nach 1933 wurde das Gebäude von staatlichen Stellen requiriert.

lichtenrade_berlin_maelzerei_innen_neu5Hier sollten umfängliche Maßnahmen zum Luftschutz vorgenommen werden. Die Schlossbrauerei, die das Gebäude nicht mehr nutzte, hatte daran wegen der hohen Kosten kein Interesse. Die Wehrmacht nutzte dann das Gebäude als Lebensmittellager, davon hatten jedoch die Lichtenrader nichts.
Nach Kriegsende wurden über Wochen die Vorräte von russischen Soldaten abtransportiert. Die Berliner Kindl Brauerei übernahm dann das Gebäude, das aber weiterhin von der „Wetag“ (Westfälische Transportgesellschaft AG) gemietet wurde. So wurden dann auch in der Zeit des Kalten Krieges Vorräte, aber auch besonders Getreide, gelagert. 1966/1967 wurde dann der Pferdestall der Mälzerei für den nebenliegenden später erbauten Supermarkt abgerissen.
Die Mälzerei ist im Stil der Neu-Renaissance erbaut. Interessant ist besonders das Dach aber auch die Überreste von Schmiedekunst am Gebäude. Weit in Lichtenrade sichtbar findet man das Gebäude in der Steinstraße direkt hinter dem S-Bahnhof Lichtenrade. Die imposanten Turmaufbauten sind trotz der Hochhäuser nicht zu übersehen. Das Gebäude steht seit 1984 unter Denkmalschutz.
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Historische Postkarte von Hans-Ulrich Schulz

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