Lortzingclub

Vom Offiziersklub zum Freizeittreff für junge Leute
Lortzingstraße 16 in Lichtenrade
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Viele historische Fotos sind in einem gesonderten Album veröffentlicht (funktioniert leider zurzeit nicht): LINK zu historischen Fotos
           
1936   
Bau des Hauses durch Bauunternehmer Bartels, der nur den besten Beton z.B. vom Autobahnbau abgezweigt bzw. genutzt haben soll (dies ist natürlich keine gesicherte Erkenntnis!)
Wie Volker Wallbaum berichtet, ist z.B. die Außentreppe, die im Rahmen von späteren Sanierungen abgerissen werden sollte, so massiv gewesen, dass sich die Bauarbeiter mit den vorhandenen Gerätschaften weigerten, weiter zu arbeiten.
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(aus den Bauunterlagen 1959)

1945           
Die Russen übernehmen das Haus gleich nach dem Krieg und richten ein Jugendheim ein - für die Vorgänger der FDJ (in der DDR).
Nach der Sektoreneinteilung und dem Weggang der sowjetischen Besatzungsmacht übernahmen die Amerikaner  das Haus und richteten dort einen Offiziersklub ein. Dieser Offiziersklub wurde Anfang des Jahres 1948 von einer anderen amerikanischen Einheit übernommen, die daraus ein Jugendheim machte.

1948           
Am 1.4.1948 wird der Jugendclub unter amerikanischer Leitung eröffnet. Die Verbindungsoffiziere zwischen dem Jugendclub und der amerikanischen Armee sind zwei waschechte Amerikaner mit dem altdeutschen Namen Oberst Meier und Oberst Müller. Beide Offiziere wollten einen deutschen Leiter einsetzen. Sie sprachen deshalb den Direktor der nahen Ulrich-von-Hutten-Schule Herrn Dr. Feigel an. Und der hatte für dieses Projekt sofort Verständnis. Er bat einen jungen Lehrer sozusagen nur halbtags im Schuldienst zu sein und den Rest seines Dienstes im Jugendclub abzuleisten. Dieser Lehrer war Dr. Tüllmann.

Bericht von Erhard Scheffler:
"Ich kann mich noch gut an die Anfänge des GYA-Club mit Dr.Tüllmann im Jahr 1948 erinnern. Im 1.OG wurde ein Werk-und Materialraum eingerichtet. Zu den Räumen hatte ich von Dr.Tüllmann vertrauensvoll die Schlüssel erhalten. Durch die Berlin-Blockade (24.6.1948 - 12.5.1949) hat sich das Arbeitsthema Flugzeugmodelle von den "Rosinenbombern" herzustellen angeboten. Bei den Verbindungsoffizieren sind die Arbeiten gut angekommen, dass sie als Belegexemplare irgendwo ausgestellt wurden. Dr.Tüllmann, von uns "Tülle" genannt, war auch einer von unseren Lehrern. Durch seine guten Verbindungen war es möglich einen Schulausflug auf den Tempelhofer Flughafen zu machen. So konnten wir den Ablauf der Luftbrücke aus nächter Nähe erleben. Als Höhepunkt hat uns der Erfinder der kleinen Fallschirme, Pilot Gail Halvorsen, mit einem Imbiss und ein paar süssen Geschenken begrüsst und durch seine Maschine geführt. Natürlich war am nächsten Tag der Aufsatz "Die Luftbrücke" fällig."
Die Kinderarbeit übernahm Frau Bettina Dickmann. Als das Jugendprogramm der amerikanischen Armee das "GYA-Programm" (German Youth Activities) verkleinert wurde, wurde das Haus mit dem gesamten Inventar dem Bezirksamt Tempelhof, Abteilung Jugend und Sport, übergeben. Aus dieser Arbeit entstand die Basketballabteilung des VFL Lichtenrade, aus der auch die Nationalspielerin Uschi Stein (Hausstein) hervorging.

1953
Die Übernahme des Hauses im 13. Verwaltungsbezirk vollzog man zum 1.7.1953in aller Stille. Der stellvertretende Bürgermeister von Tempelhof, Bezirksstadtrat Burgemeister, übernahm am 26.6.1953 von Oberst Lynch, einem Beauftragten des amerikanischen Stadtkommandanten von Berlin, den Lichtenrader GYA-Club in bezirkliche Verwaltung.  Mit Wirkung vom 30.6.1953 wurde das im Jahr 1946 eingerichtete GYA-Programm von den amerikanischen Behörden in Berlin abgeschlossen.
Neben der Übergabe dieses Clubs übermittelte der US-GYA-Offizer Captain O´Quinn dem Bezirksamt Tempelhof eine großzügige Spende (5.000 Mark) und reichhaltiges Material.

Wie „Der Tempelhofer“ am 1.8.1953 berichtet, gehörten zu der Materialspende, die das Bezirksamt erhalten hat, u.a. wertvolle elektrisch betriebene Maschinen (Bandsägen, Bohr- und Schleifmaschine), sowie zahlreiche Werkzeuge für Holz- und Metallarbeiten, zwei neuwertige Photo-Vergrößerungsapparate, umfangreiche Sportgeräte und Sportausrüstungen, ein Vorratsraum mit Nahrungsmitteln, eine Nähmaschine, Nähmaterialien und viele 100 Meter Kleider-, Blusen und Anzugsstoffe.

In einem Artikel der Berliner Morgenpost von 1953 heißt es u.a.:
Nach Ansicht des Tempelhofer Jugenddezernenten, Bezirksstadtrat Dümchen, ist das Klubhaus für die Jugendarbeit besonders geeignet...Das wertvollste „Stück“ ist jedoch ein 8 mal 15 Meter großes Schwimmbecken. Er bietet der Lichtenrader Jugend die einzige Möglichkeit, in ihrem Ortsteil zu schwimmen.
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In einem weiteren Bericht der Berliner Morgenpost vom 25.8.1953 heißt es u.a.:
In der vergangenen Woche konnte der Lichtenrader Jugend bedeutend mehr geboten werden, als bisher möglich war. Nach der Einweihung des neuen Jugendheimes in Alt-Lichtenrade und der Übernahme des ehemaligen GYA-Clubs in bezirkliche Verwaltung war es dem Jugendamt möglich, den Mädchen und Jungen Gelegenheit zu intensiver Gemeinschaftsarbeit zu bieten. Während die heranwachsenden Lichtenrader bisher“etwas stiefmütterlich“ behandelt worden sind, wie das Bezirksamt zugibt, kann man jetzt von einer gründlichen Jugendbetreuung im Ortsteil sprechen...Das ehemalige GYA-Gebäude in der Lortzingstraße ist jetzt ein „Heim der offenen Tür“...Das neu erbaute Jugendheim Alt Lichtenrade 103 ist der organisierten Jugend vorbehalten. In erster Linie haben sich hier die Pfadfinder, die evangelische Jugend und die Falken für ihre regelmäßigen Zusammenkünfte Räume gesichert.

1954           
Die Morgenpost berichtet 1954:
Eine Villa am Waldrand in Lichtenrade soll demnächst Eigentum des Bezirksamtes werden. 120 000 Mark kostet das Haus in der Lortzingstraße 16...Fast 3000 Besucher kommen jeden Monat in das Jugendheim...7 200 Mark muß das Bezirksamt in jedem Jahr an Miete zahlen. Als der Eigentümer noch mehr Geld haben wollten, entschlossen sich die Beamten zum Kauf des Hauses.
Eigentümer war ein Herr Bartels, dem viele Grundstücke bis zur Hilbertstraße gehörten.
1956           

Der Telegraf berichet am 17.1.1956:
Seit einem Jahr besteht der „Jugend-Go-Club“ im Jugendheim Lichtenrade, Lortzingstraße. Am Sonnabend war Jubiläumsturnier mit Geburtstagsgeschenk. Dr. Loewa vom Berliner Go-Club überreichte den Lichtenradern ein Geschenk des japanischen Botschafters ein echtes japanisches Go-Tischchen mit Original Spielsteinen aus Muscheln und Schiefer.
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Heimleiter Horst Stein war leidschaftlicher Go-Spieler.

Vor 1973
Ein weiterer Schwerpunkt der Einrichtung lag bei der Musik. Besonders in der Zeit vom Heimleiter Adolf Schwericke, der Berufsoffizier und Musiker war.
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1974 fand die erste Fahrt mit Heimleiter Volker Wallbaum, der 1973 die Einrichtung übernahm, nach Krottendorf in Östereich statt.

1978           
Im Ende Juni/Anfang Juli 1978 feierte das einzige Jugendfreizeitheim mit eigenem Swimming-Pool unter Leitung von Volker Wallbaum sein 25jähriges Bestehen.

In einem Bericht der Berliner Morgenpost vom 29.6.1978 heißt es u.a.:
So exclusiv, wie heute noch die Schwimmmöglichkeit, so prominent wurden inzwischen die ersten Gäste, zu denen vor 25 Jahren der jetzige Fernsehkorrespondent Lothar Loewe und auch der Synchronregisseur Rainer Bertram gehörten. Als Jugendliche tobten sie über das Gelände des Freizeitheimes an der Lortzingstraße in Lichtenrade.

Im Tempelhofer "Pohlezettel" (Der Tempelhofer) heißt es:
Der Sonnabend wurde dann zum großen Höhepunkt, Bezirksstadtrat Klemens Siebner begrüße die Gäste, unter ihnen den Bezirksverordneten-Vorsteher Günter Wolff, den Bezirksbürgermeister Siegmund Jaroch, den Fraktionsvorsitzenden der SPD Heinz Grützmacher, sowie mehrere Tempelhofer Abgeordnete und den Referenten der Abteilung Jugend und Sport Gerhard Schaal. Zur großen Freude waren auch drei ehemalige Heimleiter erschienen, und zwar Horst Stein, Erich Gottwald und Detlev Blunck sowie die Ehefrau des allerersten Clubleiters aus der Zeit der amerikanischen Leitung, Christine Tüllmann. Bezirksbürgermeister Siegmund Jaroch eröffnet dann mit launigen Worten die Bilderausstellung. Gegen 14 Uhr wurden das Kinderfest und der Basar durch eine Vorführung des Drill-Teams der US-Army eröffnet

Wie der damalige Heimleiter berichtet, konnte er sich gegen das von Erich Gottwald organisierte Drill-Team nicht wehren, obwohl er den Kinder und Jugendlichen immer eine antimilitärische Einstellung vermitteln wollte.

1991           
Das Schwimmbad konnte nicht mehr genutzt werden, weil erhebliche Bau- und Instandsetzungsarbeiten notwendig waren. Das Geld (100.000 DM ?) wollte man nicht mehr aufbringen.
      
Heimleiter:
Namen der vom Amt Jugendförderung eingesetzter Heimleiter ab Juli 1953 in der Reihenfolge ihres Einsatzes: Horst Stein, Erich Gottwald, Detlef Blunck, Adolf Schwericke, Volker Wallbaum
Volker Wallbaum sei an dieser Stelle ausdrücklich für die vielen Informationen, Fotos, Geschichten und für die Unterstützung gedankt!

1.7.2004
Einrichtung wird vom Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg, Abteilung Familie, Jugend, Sport und Quartiersmanagement in Kooperation mit dem AHB-Berlin Süd gGmbH (und JaKuS gGmbH-Kooperation Ende 2009 beendet) betrieben.

In der Berliner Woche wurde Anfang 2016 berichtet: "Zwischenzeitlich in Vergessenheit geraten war, dass in der ersten Zeit nach 1945 die später berühmt gewordene Malerin Ruth Baumgarte (1923-2013) aus Karlshorst ein Atelier im Lortzingclub hatte. Dies hat die gemeinnützige „Kunststiftung Ruth Baumgarte“ in Bielefeld herausgefunden, die das Leben und Werk der Malerin erforscht. Demnach landete die Malerin nach der Zwangsräumung von Karlshorst vorübergehend in Lichtenrade, wohnte in der Alvenslebenstraße und gab aushilfsweise Zeichenunterricht an der Ulrich-von-Hutten-Schule. „Ferner wissen wir, dass sie für kurze Zeit in einem Jugendheim in Lichtenrade gearbeitet hat. Es heißt, das Haus habe ein Schwimmbad besessen und sei ursprünglich die Villa eines Industriellen gewesen", so die Bielefelder Kunststiftung. Damit war klar, dass das nur die Bartel-Villa sein konnte."
Die Einrichtung nennt sich nun: LortzingClub, Kinder- und Jungendfreizeitreff und Abenteuerspielplatz in Berlin - Lichtenrade.

Erster Leiter unter freier Trägerschaft war Oliver Schmidt. Jetzige Leiterin (2015) ist Carola Thiede
Eigentümer des Grundstückes und Gebäudes bleibt weiterhin das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg.
Stand April 2008

Internet: http://lortzing.ahb-berlin.org/

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