Blütenfest

Heimat und Wandern

Lichtenrade und sein Blütenfest (Herbert Starke)

Lichtenrade ist der südlichste Ortsteil von Westberlin und liegt mit seinen Mischwaldungen dicht an der Zonengrenze. Der Ort besteht aus einem historischen Dorfkern an der Straße Alt-Lichtenrade und einer neueren Gartenkolonie von großer Ausdehnung. Ein Besuch von Lichtenrade läßt sich im Mai zweckmäßig mit der Teilnahme an dem alljährlich stattfindenden Blütenfest verbinden.

Als Ausgangspunkt wählen wir den S-Bahnhof Lichtenrade. Vom Bahnhof links in die Briesingstraße, entlang an der katholischen Salvatorkirche (1938 erbaut)- mit Kinderkrankenhaus und modernster Kinderlungenheilstätte Europas. In der Nähe des Bahnüberganges gelangt man über die Kesselstraße in die Horstwalderstraße; im Frühling rechts und, links blühende Obstgärten. Nach einem Weg von mehr als einem halben Kilometer ist der Kirchhainer Damm erreicht, den man südlich in Richtung der Zonengrenze bis zum Gasthaus "Zum kühlen Grund" verfolg Hier führt links ein Weg in das kleine Laubwäldchen und zu der hübschen Kleingartensiedlung von BVG-Angestellten, die besonders im Frühlingsschmuck sehr reizvoll ist. Nach einem Rundgang rings um diese umzäunte Siedlung wieder auf den Kirchhainer Damm zurück und nördlich bis zu dem "Stern", einer Verkehrskreuzung, von der mehrere Straßen abgehen. Wir biegen geradeaus in die Straße Alt-Lichtenrade, früher Dorfstraße, das eigentliche Zentrum des ehemaligen Dorfes, um ein Stück der dörflichen Romantik des Ortes kennenzulernen.

Das Dorf Lichtenrade wurde um 1235 gegründet und soll damals von Flamen besiedelt worden sein. In der Nähe der Kirche erkennt man deutlich die Dorfanlage des 13. Jahrhunderts. Es ist ein Angerdorf, der frühere Name Lichtenrode besagt, daß es sich um eine gerodete Lichtung handelt. Vor etwa 700 Jahren fügte man aus Feldsteinen, wie sie sich auf den umliegenden Ackern fanden, die dreiviertel Meter dicken Wände der schlichten Bauernkirche zusammen. Die ursprünglich gotischen Fenster, sind vermauert und 1769 erweitert worden. Der an, der Westseite 1902 errichtete Turm brannte nach einem Bombenangriff 1943 aus. Im Jahre 1948 wurde die Dorfkirche auf den alten Mauern erneuert und der Turm wieder mit einem Satteldach versehen. Im Inneren ist ein hölzerner Barocktaufengel gut erhalten geblieben.

Gegenüber dem Feuerwehrgebäude steht die Ruine der alten Postkutschenstation, wo auf der Poststrecke Berlin-Zossen erstmalig Pferdewechsel stattfand und auch die Post nach Mittenwalde abging. Erinnerungen aus der guten alten Zeit! Von den 12 Bauernfamilien, die früher den Kern der Siedlung bildeten, wohnen heute noch einige in ihrem Stammsitz, so die seit 1675 ansässige Familie Koppe in dem stattlichen Bauernhaus Alt-Lichtenrade Nr. 112. Die Familie ist seit langem Besitzer des hier angebauten Dorfkruges. Dieses Lokal hat seinen ursprünglichen schlichten Charakter behalten. Einige Schritte weiter gelangt man zu dem interessanten Haus Alt-Lichtenrade Nr. 100 jetzt eine Ruine. „Es war das ehemalige Gutshaus“, erzählt uns ein Ortskundiger, „wegen seines hohen Doppeldachs und seiner Fassade nannten es die Dorfbewohner ihr "Schloß".

Die Hauptzierde des Dorfes ist der an der Kirche gelegene, von Laubbäumen und Promenadenwegen umgebene Dorfteich, der größte Dorfteich im Raume Westberlin. An seinem Rande befinden sich alte Bauernhäuser, dahinter weite Ackerfelder.

In diesem Jahr wird der Dorfteich den Mittelpunkt des Lichtenrader Blütenfestes bilden. Schon früher war Lichtenrade zur Zeit der Baumblüte vielbesucht. Heute noch gilt es vielen Berlinern als Ersatz für das jetzt in der Ostzone befindliche Werder und seine Baumblütenpracht.

Aus der Festfolge können wir Folgendes mitteilen: Die Eröffnung des Blütenfestes findet am Sonnabend, dem 5 Mai, statt. Um 19 Uhr wird die von den Lichtenradern unter den jungen Mädchen des Ortes gewählte Blütenkönigin durch den Bürgermeister von Tempelhof begrüßt. Nach Darbietungen des Lichtenrader Männergesangvereins findet am Dorfteich ein Feuerwerk statt, wobei das Teichufer und die Dorfkirche angeleuchtet werden. Am Sonntag beginnt um 9 Uhr eine Führung des Heimatforschers Grußdorf durch die Baumschule, die moderne Bürgel-Schule und durch die Gartenkolonie; Ausgangspunkt ist der Dorfteich. Ebendort beginnt um 14 Uhr der große Festzug. An seine Spitze setzen sich die Reitervereine von Lichtenrade mit dem Wagen der Blütenkönigin.

Von den weiteren Darbietungen der Festwoche ist noch zu erwähnen, daß am Mittwoch ein Konzert im Saal des historischen Dorfkruges stattfindet. Ferner zeigen die Pfadfinder ein mustergültiges Lager auf dem Sportplatz. Am gleichen Tage finden weitere Führungen durch den Ort durch den Heimatforscher Dr. Klein statt. Am Sonntag, 13. Mai, schließt das Fest um 15 Uhr mit einem Musikreiten des Reitervereins und um 19 Uhr mit einem Zapfenstreich an der Dorfaue nebst Feuerwerk.

Es ist zu begrüßen, daß bei einem solchen Blütenfest die ländliche Tradition des Ortes in sehenswerten Darbietungen wiederauflebt.

Aus „Die Berliner Schule“ Mai 1956

Zur Verfügung gestellt von Jürgen Rezat

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