Vor 70 Jahren, am 3. April 1949: Unsere Dorfkirche wird eingeweiht

Aus dem Gemeindebrief der Evang. Kirchengemeinde Berlin-Lichtenrade vom 10. April 2019 (mit freundlicher Genehmigung von R. Otte)

Eine sehr große Menschenmenge setzte sich am Sonntag Judika, 14 Tage vor Ostern, dem 3. April 1949 vom Gemeindehaus Goltzstr. 33 aus in Bewegung. Angeführt vom damaligen Superintendenten des Kirchenkreises Neukölln, zahlreichen Pfarrern, den Kirchenältesten und Diakonissen des Mutterhauses Salem und Friedenshort, zog die Menge durch die Roonstr. (heute Mellener Str.), Bahnhofstr., Goltzstr. und Alt-Lichtenrade zu unserer Dorfkirche, die an diesem Tage wieder soweit hergerichtet war, dass sie mit einem Festgottesdienst eingeweiht werden konnte.
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Die Prozession überquert den Lichtenrader Damm. Im Hintergrund die Bäckerei Schiel, heute Edeka-Kruse. Vorbei geht es an den Ruinen im Dorf: Alt-Lichtenrade 122 -126
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Vieles fehlte in der Kirche noch, sogar die Bänke. Die kamen erst im Sommer 1949 hinein. Aber dafür hatten mehr Menschen einen (Steh)Platz in der Kirche gefunden, andere mussten vor der Kirche dem Gottesdienst aus den Lautsprechern folgen.

Am 29. Dezember 1943 zerstört, ging die Gemeinde gleich 1946 an den Wiederaufbau. Zwar gab es im Mai 1947 endlich nach Kompromissen mit dem Denkmalschutz (der Turm durfte sein hohes spitzes Dach nicht mehr bekommen, das Kirchenschiff musste eine flache Balkendecke statt des Gewölbes erhalten) die Baugenehmigung. Aber heute unvorstellbare Schwierigkeiten folgten. Ein Hauptproblem war natürlich das Geld. Hinzu kamen die Probleme der damaligen Zeit: für jeden Sack Zement, Mörtel oder Sand waren Freigaben der amerikanischen Besatzungsmacht erforderlich. Das Bauholz sollte aus einem Kirchen-Forst nahe Baruth kommen. Das war aber sowjetische Besatzungszone. Auch dafür waren Genehmigungen einzuholen und dazu das Transport-Problem. LKWs gab es nicht. Das Holz musste ins Sägewerk nach Tempelhof, aber die Brücken über den Teltowkanal waren sämtlich kurz vor Kriegsende von den Nazis gesprengt worden. Hinzu kamen die Stromsperren.

Kaum hatten 1948 endlich die Arbeiten beginnen können, machte die Währungsreform mit der Einführung der DM-West und kurz danach die Blockade West-Berlins durch die Sowjets den weiteren Wiederaufbau beinahe unmöglich.

Aber unser damaliger GKR vertraute auf Gottes Hilfe und konnte auf die Unterstützung der Gemeinde bauen. So konnte dann doch am 3. April die Wiedereinweihung gefeiert und rechts vom Altar der Schlussstein eingemauert werden.

Zur Einweihung wurde von Pfr. G. Schmidt eine Festschrift herausgegeben. Sie begann mit einem Auszug aus dem Gedicht von Pfr. E. F. Klein über den 1902 erbauten Turm unserer Kirche: Fest stehe der Turm in Wetter und Sturm! Er trotze der Zeit und weise die Herzen zur Ewigkeit.
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Gedenkstein rechts neben dem Altar

Dann folgte ein kurzer Gang durch die 700-jährige Geschichte unserer Kirche und natürlich Ausführungen zur Zerstörung und zum Wiederaufbau: „1943 kam der Kirchenbrand. Nachdem Anfang Dezember schon einmal das Gotteshaus getroffen war und die Schäden notdürftig ausgeflickt werden konnten, ging am 29. Dezember 1943 dieses ehrwürdige Gotteshaus im Flammen auf. Die einzige uns verbliebene Glocke, etwa zwischen 1200 und 1300 gegossen, ist beim Brand leider abgestürzt.

Im Mai 1948 haben wir nun mit Gottes Hilfe den Wiederaufbau beginnen können, und nun dürfen wir heute unsere liebe alte Kirche wieder zu Gottes Lob und Preis und uns zum Segen in Benutzung nehmen.

Bei unserem Bauvorhaben wollten wir den alten Zustand beibehalten, bzw. wiederherstellen und möglichst wenig ändern. Einige Änderungen haben sich dann doch noch ergeben, z. B. die Bedachung des Turmes, der wie die meisten alten, märkischen Dorfkirchen ein Satteldach bekommen hat. Dem Kirchenschiff wurde eine flache Decke eingezogen, wobei die Balken zum größten Teil sichtbar blieben. Damit nun aber auch ohne das frühere Tonnengewölbe die Kirche genügend hoch sei, wurden die Seitenmauern etwas erhöht. Außen ist diese Erhöhung nicht ganz so stark wie innen.

Wir haben vorläufig 2 Glocken. Diese haben schon eine lange Geschichte. 1936 hat sie ein Glockengießer gegossen, ohne einen Auftrag dazu zu haben. Es sollten 3 Glocken werden. Der Guss der 3. Glocke verzögerte sich durch mancherlei Schwierigkeiten, die in der Vorkriegszeit schon groß waren. Da der Glockengießer wusste, wie viele Glocken dem vorletzten Weltkriege zum Opfer gefallen waren, hat er die beiden Glocken vor dem letzten Krieg vergraben. Nach dem Kriege hat er sie uns dann angeboten. Der Guss der 3. Glocke ist leider missraten. Wir müssen uns erst mit 2 Glocken begnügen…

…Noch ein Wort zur pekuniären Lage: wir hatten für den Kirchenbau gespart und einen großen Teil des Geldes auch rechtzeitig verwenden können. Trotzdem stand der Gemeindekirchenrat nach der Währungsreform im Sommer 1948 vor der ernsten Frage, ob er den Kirchenbau weiterführen dürfe. Von entscheidenden Stellen wurde uns gesagt: ihr müsst aufhören, es geht nicht mehr, wir können keine Zuschüsse geben. Aber wir wollten nicht aufhören! Wir vertrauten auf Gott und wandten uns auch an die Gemeinde und ihre Liebe.

Wir wurden und werden nicht enttäuscht. Gerade in der letzten Zeit haben wir wieder viel tätige Mithilfe aus der Gemeinde erfahren, für die wir sehr dankbar sind. Freilich bleibt noch viel zu tun. Es fehlen noch die Orgel, die Turmuhr, die 3. Glocke, der Altar, die Kanzel, die Innenausmalung und der untere Holzfußboden. Das Gestühl ist großenteils fertig, es kann aber erst aufgestellt werden, wenn es gestrichen ist.

Wir vertrauen weiter und bitten Gott, Er wolle unseren Glauben stärken, weiter zu schaffen an dem Werk. Es geht nicht darum, unsere Ehre zu mehren, es geht um Gottes Ehre, und da dürfen wir vertrauen, dass Er auch weiter die Gemeinde willig macht und uns Glauben und Kraft schenkt zum Werk.“
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Ja, dieses Vertrauen wurde von Gott belohnt. Noch 1949 kam überraschend unsere große Glocke zu uns zurück. Eine Turmuhr aus einer Ruine einer Charlottenburger Schule wurde mit einem Handwagen geholt, angepasst und eingebaut. Sie läuft bis heute. Eine Orgel folgte. Und 1964 war die Zeit der Provisorien vorbei: Der Künstler Joachim Burgert sorgte mit seinen Kunstwerken für die heutige Ausstattung unserer Dorfkirche.

Rainer Otte
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5. April 2009: Die Gemeinde zieht wieder mit einer großen Prozession in die Kirche zum Festgottesdienst ein. Nicht, ohne am Grab von Pfr. G. Schmidt -der sich maßgeblich für den Wiederaufbau engagierte, mit einem Dank-Gebet innezuhalten. Der Platz in der Kirche reichte wieder nicht aus.


 

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