Der Grundeigentümerverein Berlin-Lichtenrade feierte am 16. Juni 2018 auf dem Gelände des Ulrich-von-Hutten-Gymnasiums sein 115-jähriges Jubiläum mit Vereinsmitgliedern und deren Familien.


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Der Vorsitzende Frank Behrend begrüßte die Gäste und wies besonders auf eine zusammengestellte Chronik vom Grundeigentümerverein hin, die man sich im Laufe der Veranstaltung in der Aula anschauen konnte.


Frank Behrend: „Unser Verein hat in den vergangenen 115 Jahren Lichtenrade mitgestaltet und sich dabei immer für die Interessen der Eigentümer eingesetzt.“


Im Grußwort führte die Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) besonders den Wert der Arbeit in Lichtenrade und im Bezirk aus und bedankte sich für das ehrenamtliche Engagement.



Der Lichtenrader Bundestagsabgeordnete Dr. Jan-Marco Luczak (CDU) dankte ebenfalls für die Arbeit des Vereins und für die engagierten Diskussionen. Luczak spannte den Bogen zur Bundespolitik, jedoch findet er es wichtig, dass auch die Interessen von den „kleinen“ Eigentümern und Vermietern gewahrt werden und nicht nur die Worte von großen Unternehmen bei der Politik ankommen.

Vom Unternehmer-Netzwerk Lichtenrade überbrachten Christiane Fuchs (Foto rechts) und Dr. Maren Kaiser Grüße und die besten Wünsche.

Bei bestem Wetter war für Musik, Linedance und für einige Kinderaktivitäten gesorgt.

Auch Essen und Trinken gab es reichlich für die Besucherinnen und Besucher. Die Einnahmen für die Bierspende vom Familienrestaurant Reisel werden der Schule und dem Förderverein zur Verfügung gestellt. An einem Info-Stand konnten sich die Besucher informieren und von Vorstandsmitglieder beraten lassen. Eine lockere und gleichzeitig würdige Veranstaltung!

Die Gründerjahre und die Arbeit im Verein

Im Jahre 1903 gründeten Siedler und Grundeigentümer den Haus- und Grundbesitzer-Verein Lichtenrade 03 e.V., der vor allen Dingen westlich der Eisenbahntrasse aktiv war. In anderen Teilen Lichtenrades gründeten sich ähnliche Vereine. Im Jahr 1947 schlossen sich diese Vereine zum heutigen Grundeigentümerverein Berlin-Lichtenrade e.V. zusammen. Straßenbau und Verkehr, Kanalisation und Entwässerung, Plätze und Schule und all das waren und sind Themen, mit denen sich die Mitglieder der Vereine befassten. Der erste Vorsitzende des Haus- und Grundbesitzer-Vereins Lichtenrade 03 e.V., der Rechnungsrat Franz Carl Emil Rohrbach, erreichte die Pflasterung der Hilbertstraße, Krügerstraße, Paetschstraße und zahlreicher weiterer Straßen westlich der Eisenbahn. Teilweise sind diese Pflasterungen heute nach über 100 Jahren immer noch in Benutzung. Nach Rohrbach wurde die Rohrbachstraße in Lichtenrade benannt. Auch der Lichtenrader Chronist Hermann Wundrich war von 1947 bis 1949 Vorsitzender des fusionierten Vereins.

Wegen starker Regenfälle in den Jahren 1926/27 wurde auf Druck des Vereins in Lichtenrade und in den angrenzenden Ortsteilen ein Kanal errichtet, der das Wasser in den Teltowkanal leitete. Diesen Lichtenrader-Lankwitzer-Regenwasser-Sammelkanal- kurz LiLaReSa- gibt es heute noch und ist teilweise sichtbar. Andere Teile werden in Röhren unterirdisch geführt.

Der Verein hat ein weites Angebotsspektrum

Seit 1903 vertritt der Verein die Interessen von Haus-, Wohnungs- und Grundstückseigentümern: „Ganz gleich, ob sie die Immobilien in Lichtenrade, Marienfelde, Mariendorf, Buckow oder anderswo haben.“ Mit aktuell rund 3.000 Mitgliedern ist es der größte Eigentümerverein in Berlin, der kostenlose Beratung durch Immobilienfachleute, Steuerberater, Anwälte, Architekten und mehr anbietet: „Unsere Experten beraten Sie von Eigentümer zu Eigentümer, aus der Praxis für die Praxis. Egal ob Mietrecht, Wohnungseigentumsrecht, Erbrecht, Nachbarrecht bzw. Nachbarschaftsstreit, Steuerrecht, Baurecht, Immobilienversicherung, Immobilienfinanzierung, Grundstückspreise und Bodenrichtwerte in Lichtenrade: Diese Leistungen können die Mitglieder meist kostenlos bzw. zu sehr günstigen Konditionen beanspruchen.“

Der Verein war bei den verschiedensten Pflanzaktionen beteiligt. Aktuell waren Vereinsmitglieder wieder im Mai 2018 bei der Bepflanzung eines Hochbeetes in der Lichtenrader Bahnhofstraße aktiv.

Lichtenrade gratuliert herzlich und wünscht weiterhin alles Gute!

Thomas Moser



Zur Chronik des Vereins: https://www.hwgv-lichtenrade.de/ueber-uns/chronik.html

Ein Auszug aus den Gründerjahren:

Lichtenrade 1903: Wir hatten das Kaiserreich, Deutschland stand auf der Höhe seiner Macht. Die Milliarden, die nach dem Krieg von 1870/71 aus Frankreich nach Deutschland flossen, die Proklamierung des Kaiserreichs und die Ausrufung Berlins zur Reichshauptstadt brachten einen gewaltigen Aufschwung. Berlin zog die Menschen aus Schlesien, Pommern, Ostpreußen und Westpreußen sowie aus der Mark Brandenburg und Sachsen wie ein Magnet an. Häuser schossen wie Pilze aus der Erde, jene Häuser mit zwei und drei Hinterhöfen, Quergebäuden und Seitenflügeln. Baugesellschaften wurden gegründet und machten Pleite; die Spekulation blühte. Die Menschen, die vom Land herkamen, zogen nun in diese Baublöcke. Sie waren gewöhnt an Feld und Flur, an Wald und Wiese und an überschaubare Verhältnisse. Hier sahen sie allenfalls einige Quadratmeter Himmel und graue Mauern. Sie verdienten hier gut, hatten Chancen, es zum Wohlstand zu bringen, haben Firmen gegründet, die später Weltruf erlangten. Aber die Sehnsucht nach freiem Blick, nach Luft, Feld und Wald blieb. Sie wollten ein Plätzchen, das ihnen gehörte, wo sie ein paar Bäumchen pflanzen und ihre Erdbeeren selbst ziehen konnten. So wurde die Sehnsucht nach dem eigenen Stückchen Land immer stärker. Zuerst vielleicht eine kleine Laube, später ein kleines Häuschen. Das konnte nur außerhalb Berlins geschehen, hier war der Boden noch billig. So musste und wollte man auch weit hinaus, um in der freien Natur zu sein. Unbequemlichkeiten, oft kilometerlange Wege, wurden in Kauf genommen.

So kamen um die Jahrhundertwende die ersten Siedler, man nannte sie geringschätzig "Laubenpieper". Nicht nur in Lichtenrade, sondern auch im Norden, Osten und Westen fanden sich Siedler ein. Lichtenrade war damals ein Dorf im Kreis Teltow mit ca. 900 Einwohnern, weit abgelegen, verkehrsmäßig nicht erschlossen. Mit der Dorfaue, dem Teich, den weiten Feldern ein idealer Platz für die Menschen, die vom Lande gekommen waren.

Keine Straßenbahn fuhr, kein Bus; nur ein Dampfzug fuhr alle Stunde vom Potsdamer Ringbahnhof, und der hielt auch nur in Lichtenrade, wenn jemand sichtbar an dem Haltepunkt stand oder vorher dem Zugführer gesagt hatte, dass er in Lichtenrade aussteigen wollte. Später fuhr dann eine Straßenbahn nach Mariendorf, von dort musste man laufen. Erst am 15. Mai 1939 wurde der elektrische Betrieb Berlin - Potsdamer Ringbahnhof - Lichtenrade - Mahlow aufgenommen.

Hermann Wundrich, ehemals Vorsitzender und später Ehrenmitglied des Vereins, schreibt darüber sehr anschaulich in seinen Erinnerungen:

"Ich erwarb mir 1907 in Lichtenrade ein Grundstück, und das kam so. Eines Tages sagte ein Freund, er hätte sich in Lichtenrade ein Grundstück gekauft. Nach Rede und Gegenrede, wo denn das Lichtenrade überhaupt ist, gab der neue Grundstücksbesitzer die nötige Auskunft. Wenn er seine Laube fertig habe, würde er die Klubmitglieder nach Lichtenrade einladen. Nach einiger Zeit war es dann soweit. Bei schönstem Sonntagswetter fuhren wir, 27 Damen und Herren, mit der Straßenbahn 73 gen Lichtenrade. Die Endhaltestelle der 73 war etwas vor der jetzigen Rennbahn. Dann kam der Spaziergang auf der staubigen Chaussee, die noch nicht gepflastert war. Der neue Grundbesitzer hatte uns vorher die Lage des Grundstücks beschrieben. Der Weg auf der Chaussee ging bis zum Kilometerstein 13,2, der an der heutigen Goethestraße erreicht wurde. Hier rechter Hand in einen Feldweg einzubiegen hieß es. Nach etwa 200 m Feldweg kam linker Hand ein Roggenfeld, durch das ebenfalls linker Hand ein Trampelpfad führte. Der Trampelpfad führte dann weiter über einen großen Kartoffelschlag bis etwa zur heutigen Geibelstraße in der Höhe der Fontanestraße. Man sollte sich aber nicht von den Bauern erwischen lassen, sonst gäbe es Unannehmlichkeiten. Hier fanden wir auch das Grundstück unseres Freundes. Die Hausfrau hatte sich schon vorher bereit erklärt, das Kaffeewasser aus der neuen, gerade fertig gewordenen Pumpe zu kochen. Wer aber seinen mitgebrachten Kaffee aus einer Tasse trinken möchte, müsse sich dazu alles mitbringen, ebenso Gebäck, Abendbrot usw. Zum Abendbrot spendierte der neue Grundbesitzer einen Kasten Bier. Vom Zimmerermeister Sachs ließ sich der neue Grundbesitzer zu diesem Tage einen runden Tisch anfertigen, 3,12 m im Durchmesser. Da es keine Sitzgelegenheit gab, standen wir alle um den Tisch herum und verzehrten unseren Imbiß. Nach der Kaffeepause lud uns der neue Grundbesitzer zu einem Spaziergang durch die neu entstehende Kolonie ein. Plötzlich blieb er stehen, klopfte mir auf die Schulter und sagte: Herr Wundrich, das wäre hier ein Grundstück für Sie. Ich winkte ab, da wir, meine Freundin und ich, gerade beim Überlegen waren, ob wir uns ein Ruderboot oder ein Segelboot anschaffen möchten. Der Rückweg nach Berlin war derselbe wie der Hinweg und verlief bei Gesang und Plauderei an diesem schönen Sommerabend wunderbar. Abends nach 11 Uhr brachte ich meine Freundin nach Hause. Ihre Eltern, die ein Restaurant am Heinrichsplatz hatten, waren um ihre Tochter schon in großer Sorge. Ich konnte aber die Eltern , die ich hierbei erstmalig kennenlernte, beruhigen. Es sei doch der Weg nach und von Lichtenrade sehr weit gewesen. Es sei aber bestimmt nichts passiert."

Als Hermann Wundrich 1907 sein Grundstück kaufte, bestanden einige Lichtenrader Grundbesitzer-Vereine. Ihre Gründung war nötig, um wirksam die Interessen der Siedler zu vertreten. Die jungen Grundbesitzer hatten viele gemeinsame Interessen, die durchzusetzen besser möglich war, wenn man gemeinsam handelte. Viele Sorgen und Probleme gab es da. Die Bauern, die einem Land verkauften, aber mit Knütten aufpassten, dass man die abkürzenden Wege durch die Felder nicht benutzte, die Sorge um Wasser, um Licht, neue Wege, in denen man bei Regen nicht im Dreck versank, später um Schulen usw.

Mit dem Erwerb von Grund und Boden durch viele Berliner setzte bald eine rege Bautätigkeit ein. Schon 1904 konnten mehrere Neubauwohnungen in Lichtenrade bezogen werden. Man muss noch heute den Mut der Grundbesitzer bewundern, Wohnhäuser inmitten der Feldmark zu erbauen, ohne feste Straßen, ohne Wasser- und Gaszuleitung, ohne Kanalisation und ohne elektrischen Strom. So entstand zuerst das Bahnhofsviertel westlich der Eisenbahn. Die Mälzerei der Schloßbrauerei Schöneberg an der Steinstraße war 1903 bereits in Betrieb. Der Ausschank des Schloßbräu erfolgte in einer neuen Gaststätte (ehemals "Haus Buhr"). Auch das Diakonissen-Mutterhaus "Salem" wurde in dieser Zeit an der Hohenzollern-/Ecke Rohrbachstraße gebaut. Von 1905 an setzte eine ungeahnte Entwicklung von Lichtenrade ein. Die Bewohner des Berliner Südwestens und Südens kamen des Sonntags mit Kind und Kegel nach Lichtenrade und picknickten zur Erholung in der Nachtbucht, dem Nachtlager der Viehherden. Die Nachtbucht war damals mit dichtem Ginstergebüsch bewachsen, also noch nicht das heutige, unterholzfreie und durch Wege erschlossene Erholungsgebiet. Nahe der Nachtbucht wurde dann später das Komponistenviertel mit Mozart -, Beethoven -, Straußstraße usw. angelegt. Von 1905 an verkauften die Lichtenrader Bauern große Teile ihres Ackerlandes im heutigen Dichterviertel oder auch West-Kolonie genannt, weil dieses Gebiet westlich des Lichtenrader Damms liegt. Goethe-, Schiller-, Geibel-, Raabestraße usw. erinnern daran. Östlich des Lichtenrader Damms entstand das Märkische Viertel mit Potsdamer, Soldiner, Schwedter Straße. Im Taunusviertel gab es bald danach die Wiesbadener, Homburg-, und Krontalstraße. Östlich des alten Dorfes haben die letzten Lehngutsbesitzer Bornhagen und Bohnstedt ein Denkmal bei der Straßenbenennung erhalten. Östlich des Kirchhainer Damms entstand das Bayerische Viertel mit Würzburger, Regensburger, Bamberger, Nürnberger Straße usw. Westlich des Kirchhainer Damms finden wir das Feldherrenviertel mit Moltke-, Roon-, Falckensteinstraße. Im Flüsseviertel nahe der heutigen Steinstraße gibt es die Nuthe-, Rhin- und Dossestraße. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Siedlung mit den Wegen Franziusweg, Grenzweg, Abendrotweg gebaut. Der Gemeinnützige Verein Heimatland erwarb 1931 ein Gelände zwischen Kettinger Straße und der Eisenbahn und parzellierte es. Die bekanntesten Namen auf diesem Gelände sind die Eisnerstraße, der Scheerbartweg und der Dörfelweg.

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https://www.hwgv-lichtenrade.de
Alle Fotos Thomas Moser


 

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