Mälzerei
In Lichtenrade siedelte sich noch vor 1900 die erste
Industrie an. Hier sollte jetzt die Bierher-
stellung im industriellen Maßstab möglich werden.

Etwa 1890 wurde das Bornhagensche Gut aufgeteilt. Der Generaldirektor
der Schlossbrauerei
Schöneberg Max Fincke erwarb so 40 Morgen. 1893 ließ er am
Bahnhof Lichtenrade das „Wirt(h)s-
haus Lichtenrade“ (später als Haus Buhr“ und „Landhaus
Lichtenrade“ bekannt; seit Jahren leider
geschlossen) erbauen.
Die Eröffnung fand am 1.4.1894 statt. Hier wurde das Bier der Brauerei
ausgeschenkt. Ein großer
Garten mit hohen Bäumen lockte viele Aus flügler an. Bis in
die siebziger Jahre gab es im Biergarten zu Pfingsten große Konzerte.
Das weithin sichtbare Lichtenrader Baudenkmal, die Mälzerei, wurde
erst in den Jahren 1897-1899
vom Regierungsbaumeister Wilhelm Walter erbaut. Walter hat auch das
Gebäude der Viktoria-
Versicherung in der Lindenstraße in Kreuzberg erbaut. Kurze Zeit
nach Bau der Mälzerei wurden
auch die ersten kleineren Grundstücke in der Bahnhofstraße
von der Schlossbrauerei verkauft.
Hier entstanden dann die ersten Häuser (Nr. 28/29).
Die Schlossbrauerei Schöneberg war eine Filiale der beim Schöneberger
Prälaten angesiedelten
Kindl-Brauerei.
Die Mälzerei war über viele Jahre das einzige industrielle
Unternehmen in Lichtenrade. Hier
wurden jährlich 60.000 Zentner Malz erzeugt. In der Mälzerei
konnte erstmals auf den Einbau
einer Malztenne, die sonst durchaus Probleme mit sich brachte, verzichtet
werden. Im Gegensatz
zur bisherig üblichen Methode, wo man den Keimprozess der Natur
in der Malztenne überließ,
wurden 10 Keimtrommeln im Kellergeschoss aufgestellt. Es wurde Wassernebel
erzeugt und es
gab eine künstliche Luftventilation.
So wurde die neue Methode des sogenannten pneumatischen Keim prozesses
erfunden. Das
Ver fahren wurde von Nikolaus Galland entwickelt, die Maschinenfabrik
J.C. Freund stellte die
Maschinen her. Das Zeitalter industrieller Bierherstellung war angebrochen.
Die Mälzerei war lange Zeit über Gleisanlagen neben der S-Bahn
zu erreichen. So wurden die
Rohstoffe und das Bier über die Schiene transportiert. Es wird
berichtet, dass bis zu 28 Waggons
hier je Tag gezählt wurden. So kann man sich gut vorstellen, dass
es hier ein reges Treiben gab.
Die anderen Gewerbetreibenden aus Lichtenrade und Umgebung wurden auch
über die Schiene
versorgt. Da kein Güterbahnhof vorhanden war, hat die Mälzerei
die Aufgabe des Umschlagortes übernommen.
Pferdefuhrwerke brachten das Bier dann in die Orte Buckow, Schönefeld,
Eichwalde, Mittenwalde,
Rangsdorf, Großbeeren und Marienfelde. Die Lichtenrader Gastwirte
wollten das Schlossbräu
zunächst nicht einführen. Die Errichtung der Probierstube
(Wirtshaus Lichtenrade) wurde als Konkurrenz angesehen. So wollte man
nicht auch noch dieses Bier ausschenken. Der Bieraus-
schank des Wirtshauses lockte jedoch viele Berliner Ausflügler
nach Lichtenrade. So sahen sich
die Gastwirte dann doch gezwungen, auf das Bier aus dieser Produktion
umzustellen.
Ab 1910 stellte die Mälzerei eine mit Maschinenkraft
angetriebene weit hörbare Alarmsirene für
die Feuerwehr zur Verfügung. Dies wurde durch Verhandlungen der
Gemeindeverwaltung und der 1906 neu gegründeten freiwilligen Feuerwehr
mit der Mälzerei erreicht. Vorher wurden die Männer durch
Blashörner zur Feuerwache gerufen. Ein weiterer Fortschritt zur
Sicherheit des Dorfes war getan.
Nach dem ersten Weltkrieg bauten andere Brauereien eigene Mälzereien.
So wurde die Produktion
in Lichtenrade dann auch eingestellt. Besitzer des Geländes und
des Gebäudes blieb jedoch die Schlossbrauerei. Das Gebäude
wurde als Lagerhaus vermietet. Es konnte 4.000 Tonnen Lagergut aufnehmen.
Das Maschinenhaus wurde abgerissen und der hohe Schornstein
wurde gesprengt. Nach 1933
wurde das Gebäude von staatlichen Stellen requiriert.
Hier sollten umfängliche Maßnahmen zum Luftschutz vorgenommen
werden. Die Schlossbrauerei,
die das Gebäude nicht mehr nutzte, hatte daran wegen der hohen
Kosten kein Interesse. Die Wehr-
macht nutzte dann das Gebäude als Lebensmittellager, davon hatten
jedoch die Lichtenrader nichts.
Nach Kriegsende wurden über Wochen die Vorräte von russischen
Soldaten abtransportiert. Die
Berliner Kindl Brauerei übernahm dann das Gebäude, das aber
weiterhin von der „Wetag“
(Westfälische Transportgesellschaft AG) gemietet wurde. So wurden
dann auch in der Zeit des
Kalten Krieges Vorräte, aber auch besonders Getreide, gelagert.
1966/1967 wurde dann der Pferdestall der Mälzerei für den
nebenliegenden später erbauten Supermarkt abgerissen.
Die Mälzerei ist im Stil der Neu-Renaissance
erbaut. Interessant ist besonders das Dach aber auch
die Überreste von Schmiedekunst am Gebäude. Weit in Lichtenrade
sichtbar findet man das Gebäude in der Steinstraße direkt hinter dem S-Bahnhof Lichtenrade. Die
imposanten Turmaufbauten sind
trotz der Hochhäuser nicht zu übersehen. Das Gebäude
steht seit 1984 unter Denkmalschutz.